Warum Sie am 25. April ins Konzert gehen müssen.

18. April 2013

Bernhard Jestl

Am 25. April spielen wir in unserem Abonnement-Konzert Apollon Musagète von Stravinsky. Das Stück handelt von Apollon und den Musen Kalliope, Polyhymnia und Terpsichore. Ich will hier keine Abhandlung über das Stück schreiben, das haben schon andere getan, ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf den Schluss des Werks lenken: der letzte Satz mit dem Titel Apothéose, und die letzten elfeinhalb Takte in Sonderheit sind für mein Empfinden der Höhepunkt der ganzen Komposition.

Das Werk beginnt mit dem Satz Naissance d’Apollon, Geburt des Sohnes von Zeus und Leto; kam übrigens noch gleichzeitig seine Zwillingsschwester Artemis zur Welt, aber um die geht’s hier nicht, es geht um Apollon, um den Gott des Lichts. Ganz leise und gravitätisch betritt er die Bühne, zögerlich zwar aber stolz und selbstbewusst mit gemessenem punktiertem Schritt, der ihm durch das ganze Werk eigen ist. – Lassen Sie sich führen durch die zehn Tanzsätze, die Variationen, die Auftritte der drei genannten Musen, einen überaus behutsamen Pas de deux, ein Satz, der den Begriff Tanz kaum zu tragen vermag. Dann folgt als vorletzter Satz die Coda, die sich erschöpft in Flitter, französischem Tand und Trödel: der Gott ganz menschlich, easy und relaxt, folgerichtig beendet der Komponist den Satz in E-Dur mit dazugeschobener Sexte, was für ein schwächlicher Schluss!

Nun folgt aber noch die eingangs erwähnte Apothéose: nach ein paar Eröffnungsakkorden und einem kurzen Choral nimmt Apollon Abschied und lässt noch einmal ganz stolz seine punktierte Melodie erklingen, aber wie hat sich die Welt seit dem ersten Satz verändert! Dort ganz rein und sauber, hier verhüllt von Tremoli in den Mittelstimmen, die ihrerseits sich aber aufschwingen zu einer tragischen Dreitonfolge, die des Gottes Abgang, der endlich seiner hellenischen Herkunft sich besinnt, begleiten. Sechsmal muss das Schlussmotiv wiederholt werden, bis der Vorhang endlich sich senkt in entrücktem h-moll.

Wegen dieser elfeinhalb Takte, die mir, ich gebe es gerne zu, die Tränen in die Augen treiben, müssen Sie unser Konzert hören.

Tournee mit “Happy End”

11. April 2013

Als sich auf der Reise nach Spanien die Nachricht von der Erkrankung der Solocellistin im Orchester herumsprach, dachte jeder: Die Tournee fängt ja gut an!

Wie viele Cellisten gibt es wohl auf der Welt, die den Solopart des – nicht gerade einfach zu spielenden – Tripelkonzerts von Ludwig van Beethoven „drauf“ haben und es nach nur einer Orchesterprobe aufführen können? Und wie viele von diesen haben dann genau in dieser Woche Zeit für 5(!) Konzerte einzuspringen?

Zum Glück fand sich der russische Cellist Alexander Buzlov, mit dem das Münchener Kammerorchester bereits vor einigen Jahren im ARD-Wettbewerb gespielt hatte. Mit Bravour meisterte er seinen Solopart und fügte sich wunderbar in das Solistentrio ein.

Doch zurück zum Beginn unserer Reise: Nach 7-stündigem Unterwegssein (seit Busabfahrt zum Münchener Flughafen) sehnte man sich nach der Ankunft im Hotel in Alicante. Doch da machte uns das Fehlen einer Basskiste und des Koffers von Alexander Liebreich (mit allen Partituren!) einen Strich durch die Rechnung. Zum Glück gab es auch hier ein – noch rechtzeitiges – happy end!
Im wunderschönen Palau de la Musica Catalana in Barcelona (vom Architekten Lluis Domenech i Montaner 1905-08 erbaut) ereignete sich ein weiteres Missgeschick: Der Sologeigerin Viviane Hagner riss mitten im Tripelkonzert die E-Saite. Es schien wie vorher abgesprochen: Während das Konzert weiterlief, tauschte sie ihr Instrument mit dem unseres Konzertmeisters Daniel Giglberger, der wiederum holte sich die Geige seines Pultnachbarn Max Meis, der allerdings auch keine Ersatzsaite in der Tasche hatte. Also tauschte er wiederum mit dem Kollegen am Pult hinter sich, Kosuke Yoshikawa. Dieser verließ mit dem Instrument der Solistin eilig die Bühne, um eine neue Saite aufzuziehen. So konnte die Solistin ihren Part doch noch auf ihrer eigenen Geige zu Ende spielen.

In einem weiteren Konzert der Tournee riss dann noch einem Cellisten im Orchester eine Saite, doch wen wundert das noch auf dieser Tournee?

Nachdem ein Geiger sein Zweitinstrument im Schrank des Hotelzimmers vergessen hatte, eine Fagottistin erste Grippeanzeichen hatte, eine Oboistin über Zahnschmerzen klagte, ein Geiger Fieber bekam und ein anderer Nasenbluten nach ein paar Minuten auf der Bühne, wunderte ich mich im Nachhinein über all die zahlreichen Tourneen, bei denen alles glatt verlief.

Das Wunderbare jedoch ist, mit welch ungetrübter Spielfreude das Orchester – trotz all dieser „Eintrübungen“ – jeden Abend die Konzerte spielte, so dass das begeisterte Publikum jedes Mal eine Zugabe forderte. Und in der Presse hieß es: „Wie virtuos aber das Orchester selbst ist, zeigte sich bei Beethovens 4. Symphonie. Vom ersten Ton an glasklare Transparenz, die so manches wieder hörbar macht, das in großen Orchestern gern einmal in der Klangwolke verschwindet, gepaart mit höchster Präzision und sauberstem Spiel.“

Andrea Schumacher

Applaus!

13. März 2013

Liebe Freunde, wir haben in Barcelona gespielt im Palau de la Música Catalana, ein schöner Saal, auch vom Klang her, das aber nur am Rande, das Wichtige ist der Bau: herrlich vom Architekten Lluís Domènech i Montaner entworfen und 1908 fertiggestellt. Hier sehen Sie ein Foto des  Saals:

(Wikipedia)

Übrigens wurde Alban Bergs Violinkonzert hier uraufgeführt, das ist aber unwichtig.

Wichtig ist, dass Teile des Publikums nach dem ersten Satz des Tripelkonzerts applaudiert haben: DAS IST VERBOTEN! Jedenfalls haben sich ein paar Zuschauer auch lautstark gegen die spontane Sympathiekundgebung seitens einiger – nein, vieler – Zuhörer gewehrt: Indigniertes Zischen, welch gemeiner Klang! erfüllte plötzlich den Raum. Elendes Pack! Wer wagt es, die Freude niederzumachen, die Freude, die uns galt, uns Musikern auf der Bühne! Hallo! Ihr Störer, ihr elenden Zischer und Besserwisser! lasst sie klatschen, wenn es ihnen ein Bedürfnis ist! Oder wird euer hehres Musikerlebnis durch die Freundlichkeit von ein paar Leuten dermaßen gestört, dass ihr eurerseits die Freude anderer zernichten müsst!!! ZERNICHTEN, jawohl.

Unsere Solisten jedenfalls und uns Orchestermusiker mitsamt Dirigent hat’s gefreut, dass viele vom ersten Satz so begeistert waren, dass sie dieser Begeisterung Ausdruck geben wollten. Ja, jetzt höre ich euch Besserwisser denken, “die meinten doch nur, das Stück sei aus, die haben keine Ahnung, dass das Tripelkonzert drei Sätze hat!” Geschenkt, sage ich, wer das nicht weiß, hat dasselbe Recht, ins Konzert sich zu setzen, selbst ins altehrwürdige Palau de la Música, wie ihr Informierten. Übrigens halte ich es für ebenso gemein, eine halbe Sekunde nach Verklingen des letzten Tones laut loszuklatschen, schaut her, ich kenne das Stück ganz genau, weiß, dass hier das Ende ist! so geschehen in unserem Konzert in Vitoria: die Hebridenouvertüre endet ganz leise, klatscht einer laut! in die Stille des letzten Tones hinein: für manchen von uns ist die Stille nach dem letzten Ton übrigens ein grandioses Erlebnis, der Moment, wo man sich als Musiker dem Publikum besonders nahe fühlt: welch eine Gemeinsamkeit, welch großartiger Moment! – aber einer stört. Elender Zischer, hat er sicher zehn Minuten später sich nicht beherrschen können, denn auch hier waren ein paar Begeisterte nach dem ersten Satz des Tripelkonzerts bereit zum Applaus – ist ja auch großartig: der Schluss des ersten Satzes.

Liebe Freunde, weder haben Sie im “falschen” Moment geklatscht, noch haben Sie die Klatscher weggezischt, sondern mit uns sich gefreut über das schöne Konzert in Barcelona. Vielen Dank!

Das war Bernhard Jestl.

Hotelaussichten

15. November 2012

angeschaut von Bernhard Jestl

Liebe Freunde, kommt man ins Hotelzimmer, ist einer der ersten Gänge, die man dort unternimmt, der zum Fenster, interessant, interessant, was sieht man wohl draußen? Ist es die grandiose Aussicht über die ganze Stadt, man befindet sich ja im dreißigsten Stockwerk beispielsweise, oder erblickt man einen enttäuschend kahlen Hinterhof mit klappernder rauschender Airconditionanlage, oder hat man etwa einen Blick in eine unwesentliche Seitenstraße? Häufig hat die Qualität der Aussicht wenig mit der des Hotels zu tun. Dieses Thema beschäftigt uns auf Tourneen schon ein wenig, beneidet man zum Exempel die Kollegen mit dem grandiosen Blick auf die umliegenden Berge oder auf Taipeh 101 – besucht man dann extra sich gegenseitig, um die Aussichten zu vergleichen, die Zimmer selbst sind zumeist sich ja sehr ähnlich, wenn nicht sogar identisch.

Hier sehen Sie beispielsweise meine Aussicht aus unserem ersten Hotel in Hongkong, gut, ich war in der neunten Etage, vielleicht konnten meine Kollegen, die höher oben wohnten, noch etwas anderes erblicken, aber schauen Sie doch genau – ganz genau – dann können Sie rechts zwischen zwei Häusern einen fadendünnen Streifen Meer erkennen, wir blicken nordwärts in Richtung Kow Loon übrigens.

Ganz anders dieses Bild, mein Zimmer im 39. Stockwerk bot diese grandiose Sicht auf paar zartrosa oder bläuliche Gebäude und eine Baustelle ganz unten – wir befinden uns in einem ziemlich neuen Wohn- und Geschäftsviertel in Kow Loon, herrlich übrigens die Sky Bar nur noch acht Etagen höher, wo wir unter freiem Himmel und Meerblick den Geburtstag einer Kollegin feierten.

Shanghai regnete und war kühl, ebenso kühl die Sicht auf eine breite Straße und harmlose Bauten – kein Fernsehturm, keine spektakulären Glitzerfassaden, wie sie sonstwo in Pudong vorherrschen, nur paar Kilometer um die Ecke. Wir ganz friedlich an der Straße, sechster Stock.

Dieses schöne Haus entdeckte ich aus dem Fenster meines Zimmers in unserem grandiosen 5 – Sterne Hotel in Taipeh. Man konnte das Fenster öffnen! – einen Spalt jedenfalls – und herein dampfte die heißfeuchte Luft, knatterten die Motorroller, qualmte Essensgeruch mitsamt Auspuffschwaden, klemmte ich meine Nase in die handbreite Öffnung und atmete tief ein. Das Zimmer selbst war heruntergekühlt auf 14 Grad Celsius, schnell ein Schal, der eigentlich fürs kalte Peking gedacht war, aus dem Koffer geholt – man will ja gesund bleiben.

Und hier ist Beijing, tatsächlich 27 Grad kälter als Taipeh: Schneesturm, knöcheltiefer Matsch auf den Straßen, und heiße Luft bläst durchs Zimmer, ich habe meine Nase am handbreiten Spalt des Zimmerfensters gekühlt. Unten war der bereits zitierte Hinterhof mit klappernden Riesentöpfen einer Klimaanlage und lärmenden Lieferanten, welche die Hotelküche versorgten. Naja, ohnehin keine Zeit, Beijing nicht gesehen, aber: die nordkoreanische Botschaft.

Und hier endlich das ersehnte Ziel unserer Reise: die Hotelaussicht in Pjöngyang. Herbstliche Bäume, nasse Straße, ganz ruhig, keine Autos, viele Hochhäuser, ein Warenhaus mit grünen Dächern, und: konnte ich tatsächlich das Fenster vollständig öffnen! ein riesiges offenes Rechteck in meiner Wand im elften Stock, kam herein Regen, kühle Luft und zu jeder abendlichen vollen Stunde ein plärrendes Lied aus dem Lautsprecher vom nahen Bahnhof.

MKO in China

30. Oktober 2012

Liebe Freunde, wir sind in China, also zuerst in Hongkong, jetzt Shanghai, dort feuchtheiss 30 Grad, hier nasskalt 13 oder so. Morgen Taipeh, wieder etwas waermer (kein Umlaut auf dieser Tastatur im Business Center des vorzueglichen Park View Hotels in Shanghai) Jetzt aber zu den Konzerten. In Hongkong haben wir die Kammersinfonie von Isang Yun gespielt, dazu die Abschiedssinfonie von Haydn, dazwischen Mucika Zalobna von Lutoslawksi und ein neues Werk des chinesischen Komponisten Bright Sheng, ein Concerto fuer Cello und Streicher, gespielt von Trey Lee.

Das besondere in Hongkong aber war unser Besuch in einer Schule, wo wir mit Schuelern zusammen gearbeitet haben, alle so zwischen sieben und fuenfzehn schaetze ich (kein Umlaut). Die haben natuerlich bestens mitgearbeitet, wir haben mit ihnen zusammen zwei Saetze aus Haydns Sinfonie Nr. 44 gespielt und Alexander Liebreich hat dirigiert, das klang schaurig schoen; es ist schon ein Erlebnis mitten in einer Schar von begeisterten Kindern zu sitzen, die einen mitreissen, das ohnehin schnelle Tempo noch forcieren und losrennen, dreissig Rennpferde losgelassen, naja, die Pause am Ende der Sechzehntelstelle wird halt dann laenger, aber egal, spaetestens am Ende der Seite trifft man sich ja wieder. An der Menge des Vibratos koennten sie noch arbeiten, damit es vom Klang her auch noch besser wird, das haben wir ihnen in den lectures, die wir ihnen gegeben haben, ans Herz gelegt, haben wir ja auch noch dreieinhalb Stunden extra mit denen in kleinen Gruppen geprobt – musikalische Frueherziehung erteilt von MKO – members. Aber gerne spielen sie alle (Cosmo, Agnes, Forrest und Angus, oder wie sie alle heissen). Allein haben sie die Figaro Ouverture und Barbier von Sevilla gespielt, also Sie sehen schon, man schreckt hier vor Schwierigkeiten nicht zurueck, Respekt. Ganz toll auch die Handbell-gruppe, ganz suess schwingen sie die Handglocken, laecheln und taenzeln dazu dass es eine Freude ist, what an amazing show.

Auch kulinarisch war der Besuch ein besonderes Erlebnis – ein grandioses Essen nach dem Konzert, in einem exquisiten Restaurant in Kow Loon eingeladen von Principal Lau, der Direktorin: 15 Gaenge oder mehr, dabei Fisch, Fleisch, Nudeln, Reis, eine unnennbare Spezialitaet nach der anderen, Schwalbennestsuppe, alles nur vom Feinsten, mit Geschenken auch noch reichlich eingedeckt ein jeder von uns, vielen Dank.

So, das war der Bericht ueber Hongkong geschrieben im regnerischen Shanghai von Bernhard Jestl.

Wasser auf dem Mars!

02. Oktober 2012

In der Zeitung stand geschrieben, das Auto, das auf dem Mars durch die Gegend holpert, hätte Kiesel von Sandkorn- bis Golfballgröße gefunden, die darauf schließen ließen, es hätte vor Milliarden von Marsjahren oder auch vor nicht allzu langer Zeit oder auch sogar zum gegenwärtigen Zeitpunkt irgendwo auf dem Planeten – jedenfalls mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Möglichkeit – Wasser gegeben haben können, welches wiederum, wie wir aus der Geschichte der Erde zweifelsfrei erforscht haben, den Grundstein für Leben darstellt, wo nämlich die biologischen Moleküle zusammenkämen, um Nukleinsäuren, Zellen und andere Grundvoraussetzungen für biologisches Leben zu bilden.

Gesetzt, das Gefährt mit Namen Curiosity fände im Marsgestein eine Flöte, was würde uns das lehren? Haben Marsianer vor Jahrmilliarden den Mittelfußknochen eines seinerzeit auch bereits seit Millionen von Jahren ausgestorbenen Marsmammuts ausgehöhlt, um darauf Klagelieder zu pfeifen, oder würden Astromusikwissenschaftler vielleicht feststellen, das versteinerte Knochenflötlein wäre imstande gewesen pentatonische Weisen wiederzugeben, was zum Kuckuck würde uns das nützen?

Ryoanji

09. Mai 2012

Quelle des Bildes: Wikipedia

Haben Sie’s gehört? Ja? am Dienstag im Prinzregententheater? Ryoanji von John Cage!

Was ist Ryoanji, fragen Sie sich, oder fragen Sie sich nicht, wenn Sie zu denen gehören, die das Programmheft gelesen haben, oder aber Sie gehören zu jenen wenigen Auserwählten, die ihn kennen: Ryoanji, den Steingarten im Tempel des friedvollen Drachens in Kyoto, scheinbar unregelmäßig angeordnete Steine umgeben von perfekt gerechtem weißem Kiesel, natürlich! sagen Sie, schon davon gehört, aber was hat der mit Musik zu tun, sehen Sie, das frage ich mich auch.

Wir wollen selbstverständlich nicht Cages Empfindungen anzweifeln, damals, als er in Kyoto die Kiesel betrachtete und auf sich wirken ließ, denn diese Anlage lässt niemanden gleichgültig, ich habe Ryoanji gesehen, beginnt man zu flüstern, tritt leise auf – man geht ohnehin auf Socken dahin – alle Menschen ehrfürchtig, selbst die Fotografenhorden halten ihre Leidenschaft im Zaume, man kann übrigens aus keinem Blickwinkel alle fünfzehn Steine gleichzeitig sehen, wo Sie auch stehen, es bleibt immer mindestens einer verborgen – ein Ort der Stille, das spürt jeder, der dahin kommt.

Also Cage war da und musste komponieren, doch sperrt Ryoanji sich nach meinem Gefühl gegen jede Art von Einmischung, Ryoanji ist sich vom Klang her selbst genug! braucht keinen Komponisten, braucht niemanden! außer paar Gärtner mit der Harke. Wohlgemerkt, ich mag John Cages Musik, ich habe das Spielen sehr genossen, unwichtig meine Empfindungen beim Spielen und Hören von Ryoanji, aber definitiv völlig andere als damals, als ich in Kyoto vor jenem Wunder stand. Kann ein Komponist nicht sein eigener Schöpfer sein, muss er andere Schöpfungen nach-schaffen, und selbst wenn er das tun muss oder tun will, brauchen wir es nicht zu wissen, mit anderen Worten: mich stört der Titel jenes Werkes von John Cage. Wenn wir schon in Japan sind: war ich eines Tages in Hiroshima, und sprach mich unser damaliger künstlerischer Leiter an, ob man zehn Millionen Grad kompositorisch darstellen könne, wie unerheblich! und wie sinnlos solches Tun! wissen wir denn, was die Komponisten darzustellen versucht haben, wenn sie die Sinfonie Nr. 3 schrieben zum Beispiel, oder auch die Serenade Nr. 345? oder Klavierkonzert Nr. XY!?

John Cage kann sich vorstellen was er will, wenn Sie mich fragen, aber er muss es nicht unbedingt in unser Gehirn pflanzen, damit lenkt er von der eigenen Schaffenskraft ab; wer meditieren will, braucht es nicht notwendigerweise weiterzuerzählen, vielleicht ist das nämlich sogar von Nachteil. “Ich, John Cage habe mich von jenen Steinen in Kyoto beeinflussen lassen, und hier ist das Ergebnis, damit alle es wissen, aber damit dieses Wissen halbwegs esoterisch bleibt, gebe ich ihm einen Namen, den nur wenige kennen.” Eine großartige Musik, ich wiederhole es gerne, aber könnte man sie nicht einfach nur Stück Nummer XY nennen? Für mich jedenfalls wäre das genug.

Das war Bernhard Jestl

Vagabunden

01. April 2012

Von Nina Zedler

Letzte Woche waren wir noch in Korea- in wenigen Tagen werden wir in Istanbul sein- es gibt Zeiten, in denen unser Leben im MKO einem Vagabunden- Leben ähnelt.
Und dennoch- wir sind nicht ohne Heimat.
Wir haben einen Ort, zu dem wir immer wieder zurückkehren und der unverändert unser Arbeitsmittelpunkt bleibt- unser Orchesterprobenraum.

Noch.
Denn der Moment, in dem wir unseren angestammten Probenraum am Wittelsbacherplatz verlassen müssen, rückt unwiderruflich näher.
Und auch der angedachte Nachfolger, das Amerikahaus, wird uns nach jetzigem Stand der Dinge mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zur Verfügung stehen.
Die Erkenntnis, dass wir möglicherweise noch in diesem Sommer heimatlos werden, trifft mich sehr.

Trägt doch ein Probenraum maßgeblich zum Leben und der Gestalt eines Orchesters bei.
Das zunächst offensichtliche ist hart genug: der Raum, in dem die Proben des Orchesters stattfinden, geht verloren.
Aber für uns Orchestermusiker ist es noch so viel mehr als das.
Denn der Probenraum ist der Dreh- und Angelpunkt des Orchesterlebens.
Hier ist das Arbeitsmaterial gelagert- meterweise Notenschränke, Pultleuchten, Notenständer, Reise- Transportkästen für die großen Instrumente, natürlich unser unbewegliches Instrumentarium wie Tasteninstrumente und vieles, vieles mehr.

Hier trifft man sich außerhalb des Orchester- Probenplanes zum Erarbeiten der doch sehr zahlreich in unseren Konzerten vertretenen Kammermusik- Werke.
Und vor den Proben können sich Orchestermitglieder und Solisten in Ruhe einspielen.
Ich gehe dorthin, wenn ich die Nachbarn zuhause mit pausenlosem Üben der nächsten Auftragskomposition nicht überstrapazieren möchte.
Und fast immer begegne ich dort einem Kollegen, der das gleiche tut.
Spätabends beim Üben im Probenraum noch Fingersätze besprechen und sich über den Stand der Vorbereitungen austauschen- das sind die Dinge, die ein Orchester zusammenschweißt.

Natürlich haben wir unsere gemeinsamen Tournee- Erlebnisse und unzählige Anekdoten von unterwegs, die wir uns immer wieder gegenseitig erzählen.
Aber wir schön erst sind sie, wenn man sie sich in der Pause auf dem Sofa im heimischen Probenraum erzählt!

Solange das letzte Wort noch nicht gesprochen ist, bleibt es für mich noch eine sehr abstrakte Vorstellung, plötzlich ohne Probenraum dazustehen.

Aber eines weiß ich sicher: Wir würden damit endgültig zu Vagabunden.

27. März 2012

Fast fertig unsere Tournee, letzter Tag und letztes Konzert liegen noch vor uns, wir sind in Ansan ganz nahe bei Seoul, mit der U-Bahn in einer Stunde erreichbar, ist man ja quasi in der Hauptstadt schon, eben am Rande, aber doch Teil der 20 Millionenstadt, gibt ja keinen Acker, keine Wiese auf der langen Fahrt ins Zentrum zu sehen nur Haeuser – kein Umlaut auf dieser Tastatur uebrigens, wie Sie sehen -  also nur Haeuser, Strassen, Autobahnen, Restaurants, Fabriken, Bahnhoefe, Autos, Motorraeder, Fahrraeder, das hoert nie auf! und dann ist man erst im Zentrum der Stadt, geht nochmal dieselbe Strecke auf der anderen Seite hinaus, und ausserdem ist man noch nichtmal ganz an der Peripherie losgefahren.

Wir haben ja am Tag zuvor Suedkorea von Sued nach Nord durchquert im wesentlichen, geht noch ein kleines Stueck weiter noerdlich von Seoul, aber nicht sehr, dann ist Ende, niemand kommt da weiter, also: Korea ganz kahl, alles hellgruen bis grau, spaetwinterhaft, die Industrie frisst sich gnadenlos haesslich durchs Land, Fabriken und sonstige Werke verstreut, immer wieder. Doerfer mit blauen Daechern, alles hell-bis blitzblau: blau ist die unangefochtene Lieblingsfarbe. Allerdings: schwarz gekleidet die Menschen in der U-Bahn, starren in ihre Smartphones, 1000 Smartphones in einem Wagen! Aber die meisten laecheln gluecklich, denn sie chatten, machen Spiele oder recherchieren irgendwas. Aber wir nicht anders: starren in unsere Telefone, denn es gibt Wifi in der U-Bahn von Seoul und man kann schnell seine e-mails checken, jawohl.

Also, das waren meine Eindruecke kurz zusammengefasst, denn bald gehts los zum Konzert in Ansan: Haydn Sinfonie Nr. 44, Mozart Sinfonie KV 201 und Jeunhommekonzert mit Da Sol Kim am Piano, unserem Preistraeger vom letzten ARD Wettbewerb.

Herzliche Gruesse aus Ansan, das war Bernhard Jestl

Isang Yun

22. März 2012

Liebe Freunde, wir sind immer noch in Sacheon im Tagungszentrum und proben Brahms und Beethoven und Yun und Abe und Sibelius und Hosokawa und Strawinsky und Mozart und Haydn mit den koreanischen Musikern, uebrigens das Wetter zeigt uns seine kaltnasse Seite: die Bucht grau neblicht, keine Sicht auf die glaenzend beleuchtete Bruecke gegenueber – keine Umlaute auf dieser Tastatur – aber sie ist da, die Bruecke, das wissen wir ja mittlerweile, und morgen schon das Konzert, das Eroeffnungskonzert des Festivals in Tongyeong, habe ich gestern Isang Yuns Berliner Haus gesehen, jawohl sein Berliner Haus, also einen Nachbau desselben, dieser Nachbau steht mitten in Tongyeong im so genannten Memorial Park, warum Memorial Park, fragen Sie sich und frage ich mich. Er wurde umbenannt, habe ich erfahren, hiess er einmal Isang Yun Memorial Park, denn der Komponist ist dort geboren, habe ich das erzaehlt, nein? Also Isang Yun wurde in Tongyeon geboren und lebte lange Zeit in Berlin, deshalb hat man sein Haus hier nachgebaut im Isang Yun Memorial Park, also sein Berliner Reihenhaus klein und hochgiebelig steildachig deutsch steht es da, dazu noch sein Mercedes in einer glaesernen Garage – mitsamt Berliner Kennzeichen, sehr bizarr, und warum also heisst der Park nur noch Memorial Park, ohne Nennung des grossen Namens, des beruehmten Sohnes der Stadt? Weil er bei der Provinzregierung in Ungnade gefallen ist, das ist alles, Sie koennen ja bisschen googeln, dann erfahren Sie Interessantes ueber den Komponisten, wahrlich ein schillerndes Leben und ein begnadeter Komponist.