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Haben Sie’s gehört? Ja? am Dienstag im Prinzregententheater? Ryoanji von John Cage!
Was ist Ryoanji, fragen Sie sich, oder fragen Sie sich nicht, wenn Sie zu denen gehören, die das Programmheft gelesen haben, oder aber Sie gehören zu jenen wenigen Auserwählten, die ihn kennen: Ryoanji, den Steingarten im Tempel des friedvollen Drachens in Kyoto, scheinbar unregelmäßig angeordnete Steine umgeben von perfekt gerechtem weißem Kiesel, natürlich! sagen Sie, schon davon gehört, aber was hat der mit Musik zu tun, sehen Sie, das frage ich mich auch.
Wir wollen selbstverständlich nicht Cages Empfindungen anzweifeln, damals, als er in Kyoto die Kiesel betrachtete und auf sich wirken ließ, denn diese Anlage lässt niemanden gleichgültig, ich habe Ryoanji gesehen, beginnt man zu flüstern, tritt leise auf – man geht ohnehin auf Socken dahin – alle Menschen ehrfürchtig, selbst die Fotografenhorden halten ihre Leidenschaft im Zaume, man kann übrigens aus keinem Blickwinkel alle fünfzehn Steine gleichzeitig sehen, wo Sie auch stehen, es bleibt immer mindestens einer verborgen – ein Ort der Stille, das spürt jeder, der dahin kommt.
Also Cage war da und musste komponieren, doch sperrt Ryoanji sich nach meinem Gefühl gegen jede Art von Einmischung, Ryoanji ist sich vom Klang her selbst genug! braucht keinen Komponisten, braucht niemanden! außer paar Gärtner mit der Harke. Wohlgemerkt, ich mag John Cages Musik, ich habe das Spielen sehr genossen, unwichtig meine Empfindungen beim Spielen und Hören von Ryoanji, aber definitiv völlig andere als damals, als ich in Kyoto vor jenem Wunder stand. Kann ein Komponist nicht sein eigener Schöpfer sein, muss er andere Schöpfungen nach-schaffen, und selbst wenn er das tun muss oder tun will, brauchen wir es nicht zu wissen, mit anderen Worten: mich stört der Titel jenes Werkes von John Cage. Wenn wir schon in Japan sind: war ich eines Tages in Hiroshima, und sprach mich unser damaliger künstlerischer Leiter an, ob man zehn Millionen Grad kompositorisch darstellen könne, wie unerheblich! und wie sinnlos solches Tun! wissen wir denn, was die Komponisten darzustellen versucht haben, wenn sie die Sinfonie Nr. 3 schrieben zum Beispiel, oder auch die Serenade Nr. 345? oder Klavierkonzert Nr. XY!?
John Cage kann sich vorstellen was er will, wenn Sie mich fragen, aber er muss es nicht unbedingt in unser Gehirn pflanzen, damit lenkt er von der eigenen Schaffenskraft ab; wer meditieren will, braucht es nicht notwendigerweise weiterzuerzählen, vielleicht ist das nämlich sogar von Nachteil. “Ich, John Cage habe mich von jenen Steinen in Kyoto beeinflussen lassen, und hier ist das Ergebnis, damit alle es wissen, aber damit dieses Wissen halbwegs esoterisch bleibt, gebe ich ihm einen Namen, den nur wenige kennen.” Eine großartige Musik, ich wiederhole es gerne, aber könnte man sie nicht einfach nur Stück Nummer XY nennen? Für mich jedenfalls wäre das genug.
Das war Bernhard Jestl

