27. Januar 2012

Liebe Freunde, was haben wir nicht alles gespielt seit Weihnachten!

Die Streicherserenade von Elgar in E-Dur und die von Tschaikowsky in C-Dur an Silvester um 17 Uhr, dazu noch Sinfonie X in h-moll für Streicher von Mendelssohn, außerdem das d-moll Violinkonzert auch von Mendelssohn – gespielt von Esther Hoppe, unserer Konzertmeisterin – wunderbar im Münchener Cuvilliès-Theater vor ausverkauftem Hause, wünschte unsere Konzertmeisterin dem Publico noch einen beschwingten Silvesterabend mit unserer Zugabe, dem Walzer aus Tschaikowskys Serenade.

Dann haben wir die Streicherserenade in E von Elgar, die von Tschaikowsky, Mendelssohns X-te Sinfonie in h-moll und sein Violinkonzert in d-moll (mit Esther Hoppe an der Solovioline) gespielt am gleichen Tag um 20 Uhr im wunderbaren ausverkauften Cuvilliès-Theater, auch dieses Publicum wurde beschwingt entlassen in die Silvesternacht mit dem Walzer aus Tschaikowskys Streicherserenade: das also waren unsere letzten Taten im Jahre 2011.

Neujahr! und wir spielten Elgars Streicherserenade in E-Dur und jene in C von Piotr Iljitsch Tschaikowsky, des Weiteren das Violinkonzert in d-moll und die Sinfonie X in h vor begeistertem Publico im wunderbaren Cuvilliès-Theater zu München, nicht zu vergessen der beschwingte Jahresanfang, gewünscht von uns anhand des Walzers aus Tschaikowskys Streicherserenade.

Am 2. Januar spielten wir im grandiosen Cuvilliès-Theater Elgars E-Dur Streicherserenade, die Serenade für Streichorchester von Tschaikowsky, außerdem die Sinfonie für Streicher Nummer X von Mendelssohn und das d-moll Violinkonzert vom selben Komponisten, perfekt interpretiert im Übrigen von unserer Konzertmeisterin Esther Hoppe; beschwingt wurden die Zuseher geschickt ins neue Jahr mit Tschaikowskys Walzer aus der Serenade für Streicher in C-Dur.

Wir fuhren nach Kempten! und spielten vor begeistertem Publico die Serenade für Streichorchester von Elgar, dazu noch Mendelssohns Sinfonie X in h-moll, diesmal jedoch das Cellokonzert von Othmar Schoeck, gespielt von Wen-Sinn Yang und am Ende noch Schostakowitschs Kammersinfonie – nein! nach diesem Werk passt nun wirklich kein beschwingter Neujahrsgruß! – das war am 9. Januar.

Am 16. Januar war es endlich wieder so weit: beschwingt wurde das Publikum fort geschickt nach Tschaikowskys Streicherserenade in C-Dur, derjenigen von Elgar in E-Dur und Mendelssohns Violinkonzert in d-moll mithilfe von Tschaikowskys Walzer aus der Serenade – also beschwingt ins neue Jahr geschickt die Zuhörer in Polling im wunderbaren Bibliothekssaal, der zweitgrößten Bibliothek Bayerns nach der Staatsbibliothek in München.

Vier Tage später durften wir in der Schweiz, genauer gesagt in der Reformierten Kirche zu Gossau am Zürichsee dem Publico einen beschwingten Jahresanfang wünschen mit Tschaikowskys Walzer aus der Streicherserenade nach einem Programm bestehend aus Mozarts Divertimento in G-Dur KV 136, dem Cellokonzert von Schoeck und der Serenade für Streicher von Tschaikowsky.

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Jetzt aber etwas völlig Anderes: es folgte unser Abonnementkonzert im Prinzregententheater und es erklang die Sinfonie Nr. 3 – “The camp meeting” -  von Charles Ives, das Klarinettenkonzert von Aaron Copland – gespielt vom wunderbaren Martin Fröst (Pech gehabt, wer’s nicht gehört), dann Sound Fields komponiert 2007 vom 99-jährigen Elliott Carter und zum Schluss “La Poule” von Haydn, das ist die Sinfonie Nr. 83. Das Ganze geleitet perfekt von Douglas Boyd, fürs Publikum geriet der Abend zum Ereignis – für uns auch.

Liebe Freunde, vielleicht haben Sie ja das Eine oder Andere von genannten Konzerten gehört – vielen Dank dafür! wenn nicht, dann kann ich Ihnen nur empfehlen, am 4. Februar sich in der Pinakothek der Moderne in München einzufinden um sich das Komponistenportrait Beat Furrer anzuhören – geleitet von Alexander Liebreich: gehen Sie hin, es kann Ihr Schaden nicht sein, wir jedenfalls freuen uns auf Sie.

Herzlich, das war Bernhard Jestl

Soll ich noch als Supplement das Kammermusikkonzert in den Münchner Kammerspielen ankündigen? 10.2.! Pascal Dusapin Streichquartett Nr. 4 und Olivier Messiaen Quatuor pour la fin du temps!

Bühne frei für die OHP

05. November 2011

Wenn wir im MKO eine Probe haben, dann ist dafür in unserem Probenplan „Probe“ zu lesen.
Normalerweise.
Diesen Monat ist bei uns jedoch alles ein bisschen anders.

Wir machen nämlich einen Ausflug in die Welt der Oper.
Mozarts „La Finta Giardinera“ steht auf dem Programm, eine Co- Produktion mit der Bayerischen Theater- Akademie im Prinzregententheater.

Oper- mit allem, was dazugehört. Also auch mit den in der Oper gebräuchlichen Proben- Bezeichnungen. Denn schließlich gibt es in der Oper noch so einige mehr Faktoren als nur Dirigent- Orchester- Solisten- Bühne- Publikum.
Da wären noch Regie, Beleuchtung, Maskenbildner, Kulisse und und und.
Also muss genau definiert sein, um was für eine Probe es sich handelt.

„OS“ lese ich im Probenplan. Und „BO“. Und „OHP“.

„OS“ ist eine Orchester- Sitzprobe, das bedeutet, dass es eine musikalische Probe ist, also Bühne und Szene nicht beteiligt sind.
Was aber nicht heißt, dass alle außer den Musikern in der Zeit rumsitzen und Däumchen drehen. Nein, umgekehrt gibt es das natürlich auch. Szenenproben ohne Orchester und Beleuchtungsproben ohne Akteure- die Reihe ließe sich noch endlos fortspinnen.

Auf die „OS“ folgt die „BO“ – Bühne und Orchester- womit wir schon fast bei der „OHP“- der Orchester- Hauptprobe und schließlich bei der guten alten „GP“- der Generalprobe und dann endlich- bei der Premiere angekommen sind.
Natürlich mit Premierenfeier.
Denn das macht man in der Oper so.

Zur Zeit sind wir gerade bei den Bühnenproben angekommen und ich muss gestehen, dass ich ständig versucht bin, mich vom Geschehen auf der Bühne ablenken zu lassen.
Ist es doch für uns im Orchester genauso spannend wie für Sie als Publikum, zu sehen, was auf der Bühne passiert. Nur dass wir natürlich eigentlich spielen sollten und nicht schauen…
Aber immer wenn wir gerade nicht zu spielen haben, versucht jeder, den Hals so weit zu recken, wie es geht, um einen Blick auf die Bühne zu erhaschen.

Schließlich sind wir manchmal auch gerne Publikum!

Nina Zedler

Von Socken und anderen Mysterien

11. September 2011

Es gibt Rechnungen, die nicht aufgehen. Eine davon kennen wir alle:
Wenn ich zwei Socken in die Wäsche tue und hinterher nur einen einzelnen herausfische, muss der andere ja auch irgendwo sein. Logisch. Müsste er eigentlich. Sollte er eigentlich. Ist er aber nicht.
Es ist und bleibt ein Mysterium.

Im Orchester haben wir ein ähnliches Problem.
Wenn ich zwei Bleistifte besitze und noch fünf kaufe, dann habe ich am Ende…?
NULL!!!! Keinen einzigen. Alle weg. Als hätten sie sich in Luft aufgelöst.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle kurz erklären, wieso ich plötzlich über Bleistifte schreibe, wo ich doch eigentlich über unser Orchester berichten sollte.
Ganz einfach, weil eine Orchesterprobe ohne Bleistifte undenkbar ist!
Fast alles, was wir in den Proben besprechen, wird mit Bleistift in die Noten eingetragen.
Also Strich- und Lautstärkebezeichnungen, Phrasierungen und alles, was sonst noch wichtig scheint.

Ganz besonders lustig sieht das aus, wenn wir, wie diese Woche, die Semifinalisten des ARD-Wettbewerbes begleiten.
Auch wenn die Kandidaten das gleiche Konzert spielen, sind die Interpretationen oft sehr unterschiedlich.
Das kann dann an ein und derselben Stelle so aussehen:

Kandidat 1: piano
Kandidat 2: forte
Kandidat 3: crescendo
Kandidat 4: descrescendo
Kandidat 5: piano- forte- piano
Kandidat 6: forte- piano- forte.

Bei ausgesprochen limitierter Probenzeit kann sich das natürlich kein Mensch alles merken- wir schreiben es also in die Noten.
Und damit man das alles jederzeit wieder herausradieren und neu bezeichnen kann, brauchen wir Bleistifte. Nichts ist schlimmer als total vollgekritzelte Noten.

Was uns zum nächsten Problem führt: dem Radiergummi.
Gute Radiergummis sind nämlich eine Rarität.
Ein ganz normaler Radiergummi ist uns keine Hilfe, er würde auf dem Notenpult nur im Weg herumliegen und stören. Es muss schon ein Aufsteck- Radiergummi sein!
Und gute sind schwer zu bekommen.

Wenn ich einen guten Bleistift samt gutem Aufsteck- Radiergummi besitze, hüte ich ihn wie einen wertvollen Schatz.
Umso erstaunlicher, dass auch er irgendwann seinen Weg geht und sich wie alle Bleistifte von allen Kollegen einfach in Luft auflöst.

Liebes Socken- und Bleistift- Universum, wo auch immer du sein magst, habe doch bitte ein Einsehen und lass uns ein paar Bleistifte, damit wir anständig proben können!

Nina Zedler

Wettbewerbe

31. August 2011

Bernhard Jestl

Musikwettbewerbe, ja, die gibt es, Sie wundern sich? ich auch. Es gibt Instrumentalwettbewerbe, Dirigentenwettbewerbe, ja sogar Kompositionswettbewerbe. Wer soll denn Kompositionen beurteilen? frage ich mich, und fragen Sie sich. Wenn jemand überhaupt bei Kompositionen ein Votum abzugeben berechtigt wäre, ist es das Publikum, das sind Sie, geschätzte Leser, nicht wir Musiker, wir müssen die Stücke spielen, damit Sie sie hören können; wer überhaupt kann denn schon Partituren lesen so wie man Bücher liest? niemand – aber ich schweife ab, denn eigentlich wollte ich über Instrumentalwettbewerbe schreiben.

Was also genau sind die Kriterien, um bei Wettbewerben für Oboe zum Beispiel, oder auch Klavier, vielleicht auch Trompete erfolgreich zu sein. Da wäre zuallererst zu nennen: die Intonation! sauber spielen, das geht über alles, steht ganz oben, ist auch weitgehend neutral zu beurteilen, nur bisschen geschmacksabhängig, ich rede von tiefen Durterzen oder tiefen Septimen und solchem Kleinkram, aber die Oktaven und Quinten sind eisern, müssen stimmen, da gibts eigentlich keinen Ermessensspielraum; die Quarte in der Tonleiter ist schon fragwürdig, denn ist sie nicht gleichzeitig die Septime im Dominantseptakkord und bisweilen tief zu intonieren, damit sie sanft abgleiten kann zur tiefen Durterz? oder bevorzugt manch einer gar das wohltemperierte Spiel, wie auf dem Klavier? nein, das führt zu weit, der Kandidat muss sauber spielen, das ist alles. Zweitens hätten wir Rhythmus und Zusammenspiel, auch weitgehend neutral beurteilbar, spielt der Kandidat mit den Kollegen zusammen? nein, er spielt nicht zusammen: schlecht – so einfach ist das.

Das sind schon die beiden Parameter, die einigermaßen deutlich erkannt werden können, alles, ich sage alles andere ist Geschmacksfrage. Trifft man den Gusto der Jury, wunderbar, wenn nicht hat man schlechte Karten, Kandidat Nummer 37 fliegt raus, so kann man doch Mozart nicht spielen, niemals kann man Mozart so spielen, so doch nicht!!! – dasselbe gilt übrigens für Kandidat Nummer 78. Weise also der Delinquent, verzeihen Sie, der Kandidat, der frühzeitig die Liste der namhaften Damen und Herren, aus welchen die geschätzte Jury sich zusammensetzt, auf der Website des Wettbewerbs sich zu Gemüte führt: meist sind die Vorlieben dieser Professoren, Solisten und Pädagogen bekannt, und wird so mancher seine Teilnahme am Wettbewerb nochmals überdenken.

Stellen wir uns eine ganz andere Art von Musikwettbewerb vor: siebzig geschlossene Instrumentenkästen auf der Bühne, siebzig Spieler knien in den Blöcken und harren der Startpistole, dann sausen sie, öffnen ihr Etui, bauen die Oboen zusammen, spannen die Geigenbögen, setzen die Trompete an und spielen wie der Teufel und so schnell sie können irgendein unwesentliches Bravourstück, flugs wieder einpacken, noch ein kurzes Rennen zur Ziellinie und fertig ist der Wettbewerb, liebe Freunde, schauen Sie sich, wenn Sie es wagen, folgendes an (keine Angst, der ganze Beitrag dauert zwar acht Minuten, Sie können aber bei Minute fünf einsteigen, das elende Gewäsch zu Anfang ist doch zu unerquicklich):

Haben Sie’s gesehen? das wäre doch ein Musikwettbewerb nach meinem Geschmack, lässig und easy.

Kein leichter Job

11. August 2011

Recht umfangreiche Beobachtungen von Bernhard Jestl

Liebe Freunde, es tut mir Leid, dass Sie so lange nichts von uns gehört haben, aber sind wir ja im Urlaub! ich in der Toskana zum Beispiel in wunderbarem mittelalterlichem Turme und lasse es mir wohl ergehen, aber, Sie haben Recht, könnte ich von anderen Dingen berichten, das mache ich jetzt: das MKO nämlich, müssen Sie wissen, ist viel unterwegs. Also, ich war schon in …. – das wird zu lang. Der nördlichste Ort, an welchem ich mit dem Orchester gespielt habe, ist Fairbanks, der südlichste Buenos Aires. Östlich ist es Sapporo und westlich auch Fairbanks; der höchstgelegene Ort war Vail, Colorado auf 2445 m Höhe, der tiefste das Europa Deck der MS Europa, paar Meter über dem Meeresspiegel. Der kleinste Ort, wenn man von Klöstern, Schlössern oder sonstigen landschaftlich alleinstehenden Gebäuden absieht, die kleinste menschliche Ansiedlung also war Hülsa mit 550 Einwohnern, die größte Shanghai mit über 19 Millionen. Der entlegenste Konzertort war wohl Ust-Kamenogorsk in Kasachstan, aber genug der Aufzählungen, das wird wirklich zu viel!

Wir reisen übrigens auch nach Ravensburg, oder nach Neuschwanstein und nach Landshut. Oder nach Frankfurt, Dresden und Ulrichshusen. Des Weiteren Ingolstadt, Leer und Herrenchiemsee. Nicht zu vergessen Brixen, Zürich und Zermatt. Meine längste Tournee hat zwei Monate gedauert, demgegenüber stehen unzählige Eintagesreisen, und noch mehr Halbtagesfahrten: nachmittags hin und nachts zurück.

Wie Sie sehen, scheuen wir keine Entfernungen, und um diese Fahrten ordentlich durchführen zu können, brauchen wir einen Reiseleiter, das ist einer unserer Cellisten – der hat’s nicht immer leicht. Vorbereitet werden die Tourneeen natürlich auf das Trefflichste von unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen im Büro, am Konzertort brauchen wir jedoch unseren eigenen Organisator, und von ihm in Sonderheit möchte ich hier berichten.

Er übermittelt uns Reisepläne, Abfahrts- und Ankunftszeiten, er gibt uns Fahrkarten und Ortspläne, er händigt uns Tagegeld aus, denn man muss ja sich verköstigen können, er setzt uns bisweilen im Konzerthaus oder Theater von der Lage der Orchestergarderoben in Kenntnis, aber greife ich vor, noch sind wir gar nicht abgefahren. Ich glaube, die ungeliebteste Aufgabe, die er erledigen muss, ist, die Kollegen in den Bus zu expedieren: einfacher hat er es, wenn wir mit dem Zuge unterwegs sind, denn der wartet nicht auf die Musiker in Wagen 23. Zu Beginn der Fahrt bekommen wir das Geld ausgezahlt, hat er auch die Beträge nämlich passend dabei, zählt Scheine ab, wickelt Münzen aus der Rolle und lässt uns auf einer selbst erstellten Liste unterschreiben, muss er ja alles später nachweisen können.

Dann folgt die Wegbeschreibung, denn selbst in Zeiten von Navigationssystemen und Google Maps ist das Ziel nicht immer ganz hindernisfrei zu erreichen, und nicht selten kurvt unser Bus um die Häuser, verstehen Sie das? entspricht ein Busfahrer, der den Weg nicht kennt, nicht einem Musiker, der die Noten nicht lesen kann? das aber nur am Rande. Gleich nach der Ankunft am Hotel muss unser Reiseleiter im Bus sich nach hinten drängeln – er hat seinen festen Platz in der drittletzten Reihe rechts am Gang – will er doch möglichst als erster an der Rezeption auftauchen, um bei der Schlüsselübergabe behilflich zu sein, ich kenne meine Kollegen, das geht wahrscheinlich schneller, vielen Dank, er kennt ja jeden beim Namen, manchmal allerdings liegen die Schlüssel wohlverpackt in Umschlägen auf einem Tisch, dann hat er’s leichter, und während wir uns bereits in unseren Zimmern entspannen, muss er noch die Anmeldung ausfüllen, nach dem besten Weg zum Saale sich erkundigen, vielleicht noch nach dem Busparkplatz? aber irgendwas soll der Fahrer ja auch tun, danke vielmals.

Flugreisen erfordern die Leistung unseres Reiseleiters in besonderem Maße: da gilt es die viele Kilogramm schwere Kontrabasskiste, das flight case, einzuchecken, was häufig ein Eiertanz ist, denn bearbeiten die verschiedenen Fluggesellschaften diesen seltenen Casus auf unterschiedlichste Weise. Er muss sich um den Zoll kümmern, denn die wertvollen Musikinstrumente wollen ordnungsgemäß aus- und wieder eingeführt werden – zu diesem Zweck führt er ein blassgrünes Carnet mit, das bestgehütete Dokument von allen!

Er muss Zettel austeilen, Zettel einsammeln, Listen schreiben, Listen ausdrucken, Geld einsammeln, Geld austeilen, Schlüssel organisieren und Schlüssel wieder zurückgeben, mit Busfahrern sich gut stellen und mit Bühnenpförtnern (eine ganz besondere Spezies) sich einigen, mit Bundesbahnschaffnern sich herumärgern und mit Reisebegleitern in Faibanks, Singapur und Hülsa (sehen Sie, liebe Freunde, da ist die Klammer zum Anfang dieses Berichts, das ist doch schön) kommunizieren, was noch alles muss er tun?

Er muss auch noch Cello spielen.

Unser Publikum in Argentinien

05. Juli 2011

beschrieben von Bernhard Jestl

Liebe Freunde, ich muss noch von unserem Publikum erzählen, paar Worte nur.

Also, zuallererst muss ich natürlich mein Lieblingspublikum nennen: die 200 netten Menschen, die den kleinen Saal in Resistencia, Argentinien, Provinz Chaco, hart an der Grenze zu Paraguay füllten, jawohl sie füllten ihn mit ihrer wunderbar freundlichen Anwesenheit, nämlich länger, als sie gedacht hatten. Ich habe ja bereits von dieser Stadt berichtet und von den Umständen, welche uns dorthin gebracht. Empfangen wurden die Leute bereits vor 21:45 (dem offiziellen Beginn des Konzerts) an der Tür zum Theater von drei wunderschönen türkis gekleideten Töchtern der Stadt, hinein geleitet in den Saal mit den hölzernen Klappstühlchen, da saßen sie und haben gewartet auf die Musiker aus dem Tausende Meilen entfernten München, das Ereignis des Monats, nein des Jahres. Zwischendurch den Saal wieder verlassen hatten einige, denn zu stickig die Luft dort drinnen, und angenehm draußen, kleines Lüftchen schob die Wärme vor sich her durch die rechtwinkelig angeordneten kleinen Straßen. Gewartet ganz lange, denn gespielt haben wir ja, wie bekannt, erst eineinhalb Stunden später, und alle noch da! halbwegs informiert vom Veranstalter. Stellen Sie sich vor, plötzlich kommt einer auf die Bühne und räumt paar Stühle und Pulte ab, denn konnten wir ja nicht vollzählig anreisen! also weg das dritte Pult der ersten Geigen und noch mehrere Stühle, genau beobachtet von 200 Augenpaaren und zwei Arbeitern hinter der Bühne, don’t need this? nimmt mir einer die Stühle ab, thankyou. Das Konzert beginnt um viertel nach elf, die dankbaren Menschen klatschen nach jedem Satz, wir lächeln ins Scheinwerferlicht und rutschen auf unbequemen Klappstühlchen hin und her, nächster Satz! Zum Schluss begeisterter zehnsekündiger Applaus, Daniel, unser Solist hat die Bühne verlassen, was tun? Wir stehen auf, Applaus brandet hoch, wir lächeln und verneigen uns, der Solist kommt wieder raus, verbeugt sich, geht wieder, Applaus wie abgeschnitten, wir stehen an unseren Stühlen. Wir bewegen uns, um von der Bühne zu gehen, und auf der Stelle klatschen sie wieder, was soll’s, wir sind draußen, Stille im Saal, das Konzert ist aus, keiner geht nach Hause. Hat man ihnen nicht gesagt, dass wir nicht das volle Programm spielen, wir lassen die Kammersinfonie von Schostakowitsch weg; spielen wir doch noch was, meinen einige, andere, schon umgezogen, wollen nach dem Marathon-Tag nur noch ins Hotel, also hinauf ich auf die Bühne und die Pulte abgeräumt, Noten eingesammelt genau beobachtet von 200 Augenpaaren und zwei Arbeitern hinter der Bühne, finished? finished! aber keiner verlässt den Saal. Erst als mit Sicherheit keine Musik mehr kommt, stehen die ersten auf und begeben sich zum Ausgang, aber alle froh und glücklich, dagewesen zu sein, lang gewartet, kurzes Konzert, aber herrlich gespielt das namhafte Kammerorchester aus München. Jetzt aber muss ich endlich einen Absatz machen, denn der Leser mag Absätze, ich bräuchte keinen, könnte ewig weiterschreiben, also kommt jetzt der Absatz:

Sehen Sie, hier war der Absatz, das aber nur am Rande, das Publikum in Buenos Aires: welcher Unterschied eine gute Flugstunde nur entfernt. Wir spielen im Teatro Colón, das ist wie Musikverein, oder Royal Albert Hall, oder Carnegie Hall, also etwas ganz Besonderes für uns alle, selbst unsere Solistin ließ es sich nicht nehmen, ihren ersten Ton im Teatro Colon mit Macht zu trällern, ohngeachtet unserer Anspielprobe, die sie auf gemeine Weise unterbrach, mein erster Tooon im Teatro Colóón!! Herrlich sechs Ränge winden sich in schwindelnde Höhen, illuminieren tausend Glühbirnen in goldenen Leuchten das altehrwürdige Mobiliar – dunkles Holz an purpurnen Sitzpolstern; man tritt durch den Bühnenvorhang auf, auseinander gezogen an massiven Henkeln von zwei wackeren Helfern, überhaupt bestens organisiert der Backstage-Bereich, auch die wissen, wo sie arbeiten: im Teatro Colón! und natürlich das Publikum weiß auch, wo es sich befindet: kommt angeschwebt über den Teppich auf weichen Schuhen, weißem Dinner-Jacket und Nerzjäckchen, hochhackige mondäne informierte reiche Leute, sauteuer die Eintrittspreise, haben wir erfahren, auch für europäische Verhältnisse sauteuer, nein schweineteuer, wenn Sie erlauben. Aber Standing Ovations haben wir gekriegt im Teatro Colón, zweimal ausverkauft das riesige Haus mit seinen 2500 Sitz- und 1000 Stehplätzen, im Übrigen ganz großartig auch vom Klang her, jawohl.

(2 Bilder von Wikipedia)

Reise mit Hindernissen

26. Juni 2011

Unser letzter Tourneetag kurz und knapp – beschrieben von Bernhard Jestl

4:45     Der Wecker schrillt im Ritz-Carlton Hotel in Santiago de Chile

5:00    Busabfahrt zum Flughafen (de facto 5.20, weil zwei Kollegen verschlafen haben)

6:30     Warten auf die neuen e-tickets, denn die sind noch nicht bereit, der Flug wurde ja wegen des Vulkanausbruchs verschoben

7:00     Einchecken streng nach Alphabet von Barwisch bis Zedler, die Mitarbeiter von Sky-Airlines erweisen sich als freundlich, aber unfähig

7:45     Flug nach Buenos Aires

10:30   Ankunft in Buenos Aires Ezeiza

11:00   Busfahrt zum Inlandsflughafen Aeroparque

12:00  Ein Zwischenagent erscheint und lädt uns zum Essen in einer schäbigen Flughafenkantine ein

Wir haben sehr viel Zeit und wandern am Ufer des Rio de la Plata entlang, für den Weiterflug ist das Orchester in zwei Gruppen aufgeteilt, denn es gibt nur noch 8 Plätze im Flugzeug (sehr merkwürdig, steht doch das Konzert seit langer Zeit fest)

14:00   Einchecken der ersten Gruppe, bestehend aus 3 Bratschern und 5 Geigern, in den Linienflug nach Resistencia

14:30  Einsteigen der zweiten Gruppe in eine gecharterte Propellermaschine, die sich als Schrotthaufen erweist

15:30   SMS der Chartergruppe an die Liniengruppe: vielleicht werden wir gar nicht fliegen

15:45   Es geht los, die erste Gruppe steigt ins Linienflugzeug, denn die anderen wollen doch losfliegen, übrigens wundert man sich, dass die Maschine halb leer ist: genug Platz für alle wäre da gewesen

16:00  Die zweite Gruppe weigert sich endlich, mit dem Charter-Schrottflugzeug zu starten

17:30   Die erste Gruppe landet in Resistencia, SMS der Chartergruppe, dass sie nicht losgeflogen sind – Verwirrung macht sich breit

17:30   Die zweite Gruppe versucht, einen Linienflug zu bekommen, es gibt aber nur noch 12 Plätze, davon 2 in der Businessclass

18:00  Die erste Gruppe fährt in einem schwindligen Mini-Van ins unsägliche Stinkehotel (siehe Artikel vom 19.6.) und erfährt von unwägbaren Verspätungen der zweiten Gruppe

18:00   Schweren Herzens beschließt die zweite Gruppe, 4 Kollegen in Buenos Aires zurück zu lassen

18:30   Ankunft der ersten Gruppe im Hotel mit erschwerter Zimmersuche, übrigens ein Ausweichhotel, denn im gebuchten gibt es plötzlich keine Zimmer mehr (sehr merkwürdig, steht das Konzert doch seit langer Zeit fest) man verabredet sich um 22:00 im Konzertsaal; das Konzert sollte laut Plan um 21:45 beginnen

21:15   Nach heillosen Verspätungen endlich Start des Linienflugzeuges der geschrumpften zweiten Gruppe in Buenos Aires, seltsam die vielen leeren Sitze in der Maschine, hieß es nicht, es gäbe nur noch 12 Plätze, davon 2 in der Businessclass?

22:00 Treffpunkt der ersten Gruppe im Theater, das Publikum sitzt bereits auf den Stühlen

Wir haben viel Zeit und erkunden ein wenig die Umgebung, es ist tropisch heiß und das Publikum sehr geduldig, jetzt erst erfahren sie, dass das MKO Schwierigkeiten bei der Anreise hätte, man solle doch noch etwas ausharren

22:45  Die zweite Gruppe landet in Resistencia und rast mit zwei schwindligen Mini-Vans in die Stadt

23:00  Die zweite Gruppe trifft im Theater ein und zerrt die Konzertkleidung aus den Koffern: wir sind wieder zusammen!

23:15   Das Konzert beginnt mit anderthalb Stunden Verspätung, ganz ohne Probe, wir spielen ein verkürztes Programm – währenddessen dreht unser Manager paar Runden mit dem Veranstalter durch die Stadt auf der Suche nach einem zweiten Hotel, denn das reservierte ist ja ausgebucht???

0:15    Ende des Konzerts, das Publikum klatscht etwa 10 Sekunden und verharrt dann regungslos auf den Plätzen, niemand, auch nicht unser brasilianischer Reisebegleiter Alfredo (Name geändert, Anm. d. Red.) hält sich dafür verantwortlich, den Leuten zu sagen, dass das Konzert aus sei, statt dessen drückt er hektisch beiddäumig auf sein Smartphone und will jetzt essen gehen

0:45    die erste Gruppe geht zu Fuß zurück in ihr Stinkehotel

1:00    Die zweite Gruppe macht sich mit zwei schwindligen Mini-Vans auf ins blitzschnell gebuchte Hotel außerhalb der Stadt, keine Überraschung: es gibt noch massenhaft freie Zimmer

6:00    Der Wecker schrillt im Stinkehotel in Resistencia

Rio

20. Juni 2011

Kurzer Bericht von Bernhard Jestl

Fliegt man weg aus Rio, und noch in westlicher Richtung nach Sao Paulo, dreht die Maschine einen perfekten Halbkreis erst süd-, dann westwärts um die ganze Stadt, und sitzt man auch noch auf der rechten Seite am Fenster, hat man einen Blick über die ganze Stadt, einen grandiosen, einen atemberaubenden: man sitzt schräg und starrt geweiteten Auges nach unten, welch ein Glück, wenn das auch noch abends geschieht, ein Glitzermeer von ungezählten Goldsternen ausgestreut von einem Engel über die Hügel und Buchten dieser Traumstadt, oder gelegt ein Mantel aus goldgewirktem Stoff über Berge und Täler, in denen die Stadt sich ausbreitet; kann man ja sämtliche Konturen erkennen, welche man sich tags zuvor eingeprägt hat, Copacabana, Ipanema, das Stadtzentrum, wo wir gewohnt haben, Zuckerhut natürlich gut zu sehen samt Seilbahn, und über allem Cristo Redentor auf dem Corcovado – so heißt der Hügel – mit ausgebreiteten Armen segnet er das von den Engeln bereitete Wunder.

Sind wir gerade noch gefahren auf schlechter Autostraße vom Stadtzentrum zum Flughafen, geschaukelt durch profunden Stau mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa acht km/h. Zeit genug, die Peripherie zu betrachten, denn der Weg zum Flughafen zeigt uns das Hinterteil der Städte, Gegenden, zu gefährlich zu besichtigen, man hat ja auch keine Zeit! man muss watscheln über den Strand von Ipanema, trinken Caipirinha am Strande von Copacabana, fahren mit der Seilbahn auf den Zuckerhut und natürlich proben und ein Konzert spielen im herrlichen Teatro Municipal.

Kinder, die alle möglichen Utensilien verkaufen wollen, hangeln sich zwischen den schleichenden Autos durch, virtuos wechseln sie die Spuren, geschickt weichen sie den wahnsinnigen Motorradfahrern, die unter beständigem schrillen Hupen zwischen den Autoschlangen nach vorne rasen, aus, schleppen Küchenschwämme, Putzlumpen, Taschentücher, Kekse, schleichen dahin auf Badelatschen durch staubige Pfützen, atmen bleischwere Dreckluft und verkaufen doch nichts, denn kein Interesse zeigen Autofahrer, soll man doch nicht öffnen das Fenster bei eingeschalteter Klimaanlage! und außerdem weiß man ja nie, ob nicht einer plötzlich eine Knarre dabei hat. Besser hats die Frau an ihrem Verkaufsstand direkt an der Einmündung einer Zufahrtsstraße, im Dreieck steht ihr Kiosk mitsamt Sonnenschirm, muss nur dastehen und warten, aber kauft auch bei ihr keiner was.

So fressen sich die Hütten langsam über die Hügel hinauf und hinten wieder hinunter, oder, wenn der Hügel zu steil wird, bleiben sie auf halber Höhe kleben, streben nach oben oder breiten sich aus ewig an den Ausfallstraßen der Stadt entlang. Das Letzte, was ich von Rio im Dämmerlicht sehe: wahllos durcheinander gestapelte unverputzte Graffiti-beschmierte Ziegelbaracken, auf denen die Wäsche flattert, und einsam ein älterer Mann, der auf dem Flachdach einen winzigen Drachen an der Schnur steigen lässt, magere Beine schauen aus zerschlissener kurzer Hose, grau-schwarz-schmutzig-löchriges Unterhemd, schaut er nach oben, beobachtet das flatternde gelbe Papierspielzeug und der Enkel geht verkaufen auf der Autobahn. Und so wird Cristo Redentors weltumspannende Gebärde zum hilflosen Armeheben. Das Gold aber, vom Flugzeug aus zu sehen, stammt zum großen Teil aus jenen abbruchreifen Ziegelhäusern zu seinen Füßen, aber das weiß er nicht.

(Quelle der Bilder: wikipedia)

Zimmer wechseln

19. Juni 2011

Bernhard Jestl

Kennen Sie Resistencia? Ja, wirklich? Nein, also ich kannte es nicht, bevor wir auf unserer Südamerika-Tournee dort spielten, eine argentinische Kleinstadt hart an der Grenze zu Paraguay, 25 Grad Celsius und feucht, gerade angekommen aus Santiago de Chile, 5 Grad Celsius nach 12, nein 14 oder 17-stündiger Reise, kein Scherz.

Erstmal ins Hotel! herrlich, nach zwei Flügen und einer Busfahrt und elenden Wartezeiten und elenden Menschenschlangen an Zoll-, Pass- und sonstigen Kontrollen schließlich zur Ruhe kommen zu können – nur bisschen wenigstens. Endlich der Zimmerschlüssel, 221! welche Bauchlandung nach dem Ritz-Carlton-Hotel in Santiago, welches wir um 5 Uhr verlassen hatten, ein unsägliches Hotel in Resistencia, Argentinien, Provinz Chaco, hart an der Grenze zu Paraguay: es riecht scharf nach Putzmittel, Kakerlakenspray und kaltem Zigarettenqualm, schnell umgedreht: Zimmer wechseln, gibts vielleicht ein Nichtraucherzimmer?, natürlich, 415! und hinein ungebremst in den scharfen Geruch nach Putzmittel, Kakerlakenspray und kaltem Zigarettenqualm, also wieder mit Koffer, Geigenkasten und Notentasche hinein in den Aufzug mit den wunderbar alten quietschenden Scherengittern: zweimal ratsch auf und zweimal ratsch zu und wackelig hinunter in die Lobby, zweimal ritsch-ratsch aufgemacht die Gitter: ach, die vierte Etage ist die Nichtraucheretage? und warum dann der tellergroße Aschenbecher auf dem Tisch; jetzt aber bringt mich der Chef persönlich, ganz liebenswürdiger Mensch, ins Zimmer 122! hinein in den scharfen Putzmittelgeruch und Kakerlakenspray aber: – kein Zigarettenqualm, welche Wohltat, dafür aber direkt über der Straße, naja die jahrelange Orchestererfahrung lehrt, nie ohne Ohropax zu reisen, also auspacken und ausruhen, denn bald beginnt das grandiose Konzert in Resistencia, Argentinien, Provinz Chaco, hart an der Grenze zu Paraguay – aber das ist ein ganz anderes Kapitel, wovon noch berichtet wird.

Und beim Frühstück habe ich ihn dann wirklich gesehen: ein grauschwarzer Kakerlak, eilenden Schrittes morgens um Viertel nach sechs über den Nachbartisch, und schon verschwunden zwischen den Falten des weißlichen Tischtuches im unsäglichen Stinkehotel in Resistencia, Chaco, Argentinien.

Kaffeehäuser

14. Juni 2011

“Obrigada!” Da war es wieder, dieses kleine Wort- “danke” auf portugiesisch- , das bei meinem Gegenüber ein mitleidiges Lächeln hervorruft.
Ach ja- richtig: Brasilien war gestern, heute sind wir in Argentinien!
Mich beschleicht ein mir nicht unbekanntes Gefühl: dass mein Kopf der Tournee hinterherhinkt.

Wir befinden uns auf einer Tournee durch Südamerika, mit einem äußerst anspruchsvollen Programm: Pergolesis Orpheus- Kantate, der Kammersinfonie Nr. 8 von Schostakowitsch, C. P. E. Bachs erster Sinfonie und dem zweiten Streichquartett von Schönberg in seiner Fassung für Kammerorchester.
Die Konzertsäle sind fantastisch: Die Teatros Municipales in Rio de Janeiro und Santiago de Chile, der wunderbare Sala Sao Paulo, ein altes, zum Konzertsaal umgebautes Bahnhofsgebäude und- heute- das berühmte Teatro Colon in Buenos Aires.

Es sind Konzerte, die schon ohne Reisen, fremde Orte und Eindrücke die volle Geisteskraft in Anspruch nehmen.
Jedoch- heute abend im Teatro Colon auf der Bühne zu sitzen ist für mich im Augenblick noch eine sehr abstrakte Vorstellung.
Und so beschließe ich schweren Herzens, heute auf Besichtigungen zu verzichten.
Erst einmal muss auch mein Kopf hier ankommen.

Also- was tun?
Vielleicht in Ruhe einen Kaffe trinken gehen?
Und welche Stadt wäre dafür besser als Buenos Aires, das berühmt ist für seine Kaffeehäuser?
Nein, mich zieht es nicht zu den bekannten Adressen wie dem Cafe Tortoni.
Nicht heute.
Ich mache einen kurzen Spaziergang zum Cafe an der nächsten Ecke.

Ich gebe meine Bestellung auf, sehr holprig zwar, aber der Kellner lächelt freundlich.
Ich blicke um mich.
Ein junges Paar am Nebentisch liest eine Illustrierte, ein älterer Herr mit rauher Stimme unterhält sich mit dem Kellner über einen Zeitungsartikel.

Der Kaffee schmeckt fantastisch, ebenso das Gebäck.
Je länger ich sitze, desto weniger fremd erscheinen mir der Ort und seine Sprache.
Langsam finden auch mein Kopf und meine Gedanken ihren Weg nach Buenos Aires.
Und das Teatro Colon scheint plötzlich garnicht mehr weit weg zu sein.

Liebes Kaffeehaus, lieber Kellner:
“Muchas Gracias!”

Nina Zedler