Ein einziger Ton

In dem Werk Crisantemi von Giacomo Puccini gibt es einen Ton, der zu Diskussionen anregt, einen einzigen Ton! besteht aber ein Stück ja aus vielen Tönen, die alle zusammen die Komposition ausmachen, und keiner ist unwichtiger als der andere, also kann man getrost über einen einzigen Ton sich unterhalten, in vorliegendem Werk, das wir am 31. Dezember, 1. und 2. Januar im Cuvilliés-Theater spielen, ist es die zehnte Note des Seitenthemas.

Dazu muss ich Ihnen über die Enstehungsgeschichte der Komposition Crisantemi erzählen, nämlich hat Puccini das Stück für Streichquartett komponiert, und zwar 1890, da war er noch gar nicht sehr berühmt, 32 Jahre alt, hatte bislang erst zwei Opern geschrieben “Le Villi” und “Edgar”. Jetzt also Crisantemi, eine gerade mal siebenminütiges Auftragswerk, nach des Komponisten eigenen Angaben in einer Nacht geschrieben für Amadeo di Savoy, Herzog von Aosta: dieses Stück wurde wohlwollend aufgenommen, richtig erfolgreich wurde seine nächste Oper, “Manon Lescaut”, und Puccinis Ruhm nicht mehr zu bremsen; wir bleiben aber bei Crisantemi und – Manon Lescaut.

Hat Puccini nämlich die Melodie des Seitenthemas in Manon Lescaut wieder verwendet, ausgerechnet im letzten Moment ganz kurz vor Schluss, wenn Manon entkräftet in Des Grieux’ Armen verdursten muss:

qui, qui, vicino a me

voglio il tuo volto

così…. così…. mi baci….

vicino a me

ancor ti sento….

Unter diese Worte legt Puccini die unsterbliche Melodie, das Seitenthema aus Crisantemi, welches er drei Jahre zuvor erdacht hatte, und mit der zehnten Note geht es folgendermaßen zu:

Crisantemi steht in cis-moll und hat somit vier Kreuze vorgezeichnet: fis, cis, gis, dis. Das Seitenthema allerdings klingt in der Subdominante, in fis-moll nämlich, was nur noch drei Kreuze hat, also kein dis. Trotzdem behält Puccini die vier vorgezeichneten Kreuze bei, was allgemein gültiger Usus ist: der zehnte Ton des Seitenthemas ist also ein dis. Soweit zu Crisantemi.

Drei Jahre später komponiert Puccini seine neue Oper Manon Lescaut und verwendet, wie schon oben erwähnt, das Seitenthema der Streichquartettkomposition. Der Schluss der Oper steht in fis-moll, hat natürlich die notwendigen drei Kreuze: fis, cis, gis, vorgezeichnet, und der zehnte Ton der Melodie erscheint hier als d, nicht dis! denn es müsste ein extra Kreuz vor dem Ton stehen, wollte Puccini ein dis hören, steht aber keins.

Nun, die Oper ist ja viel bekannter geworden als das kleine Streichquartett, also geht man vom Bekannten und Berühmten aus und ändert flugs den zehnten Ton in ein d, schreibt also einen Auflöser in die Noten, verzeihen Sie diesen Ausflug in die Fachsimpelei, aber ohne geht’s hier nicht.

Wo ist denn der Fehler? Hat der Komponist vergessen, das Kreuz hinzuschreiben? oder der Verlag? oder steckt der Fehler im Quartett und fehlt der Auflöser? oder wollte der Komponist in der Oper den einen Ton anders als im Quartett haben, um die Stelle noch weicher, nachgiebiger und melancholischer zu machen? Berühmt wurde die Melodie in der Manon-Fassung: weich, nachgiebug und unendlich traurig.

Also das Streichquartett wird in beiden Fassungen aufgeführt und es tut der Wirkung keinen Abbruch, nämlich passen beide Töne – d und dis – zur Harmonie; andererseits wäre es nicht möglich in der Oper den Ton auf dis zu erhöhen, da müsste man die ganze Harmonie auch ändern, und das will ja keiner, darf keiner.

Ich finde, wir sollten die Frage offen lassen und uns an Puccinis Werk freuen – wobei ich immer das etwas herbere, männliche dis liebte, welches ja Bestandteil der aufwärts gespielten melodischen fis-moll Tonleiter ist, abwärts allerdings erklingt d, und die Melodie verläuft hier abwärts (soviel zu den d-Befürwortern) – dabei können Sie aber sehen, dass man doch alles Mögliche über einen einzigen Ton schreiben kann.

Bernhard Jestl

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