Durch die Fernsehprogramme zu zappen, kann gefährlich sein, sehr gefährlich, gerät man unvorbereitet mitten in etliche Grausamkeiten hinein: ganz leicht kann einem da eine aufgeschlitzte Leiche ins Wohnzimmer flattern. Hören Sie, wie es mir unlängst ergangen ist:
Saß ich entspannt im bequemen Fauteuil und drückte arglos die Fernbedienung und zack! schon war es passiert: das Grauen in meinem Wohnzimmer. Frohgemute Gesichter erschienen meinem Auge, und Musik traf mein armes Ohr, oder besser gesagt, der Abschaum von Musik: Akkorde zum Erbarmen öd, Melodien zum Weinen trivial, Texte zum Verzweifeln dumm, Arrangements zum Weglaufen noch zu schlecht. Ein Wiegen und Jauchzen war das, die Musikanten ließen es sich nicht nehmen, ihre Instrumente im Takte zu schwenken, und die Sänger (Sänger?) waren sogar trotz grimassierender Heiterkeit imstande, Töne zu erzeugen, na, vielleicht haben sie die Töne ja längst aufgenommen und können sich jetzt ganz auf die “Performance” konzentrieren, jawohl, Sie ahnen es, dieses grinsende Grauen hat einen Namen: Volkstümliche Musik!!!
Sollten nicht die Sender eine Warnung einblenden für alle, die absichtslos in die Nähe dieser Frequenz geraten sind, etwa: Vorsicht, dieses Programm sendet zur Zeit intellektfernen Frohsinn, wollen Sie nicht lieber weiterdrücken? oder: Achtung, wappnen Sie sich gegen hirnerweichende Attacken, sonst erleiden Sie bleibende zerebrale Schäden! Ist das nicht leichtfertiger Umgang mit harmlosen Gebührenzahlern? vorsätzliche Körperverletzung! heimtückisches Anschleichen! gemeine Verwirrung der friedvollen Seele!
Nein! ich beklage mich nicht, hätte ich ja die Sendung anhand einer Programmzeitschrift verifizieren, oder das sinnlose Herumdrücken sein lassen können, oder vielleicht ein gutes Buch lesen statt dessen! hätte ich auch können – oder ins Bett gehen.
Liebe Freunde, die Hölle, sollte es eine geben, was ich bezweifle, das aber nur am Rande, stelle ich mir folgendermaßen vor: unfähig, mich bewegen und davon laufen zu können, wäre ich gezwungen, volkstümliche Musik mir anzuhören, nichts und niemand könnte mich erlösen, keiner käme mich zu retten, auf ewig verdammt, fratzenhafte Heiterkeit mir ansehen und öde Akkorde, triviale Melodien, bescheuerte Texte und beschissene Arrangements mir anhören zu müssen!! und spürte ich täglich den Aufstieg, den sauren, in meinem Schlunde und müsste ersticken, jeden Tag erneut ersticken, man kann ja nicht sterben in der Hölle, deshalb würde in alle Ewigkeit tönen durch den aufragenden Kotzenturm das grinsende Grauen….
So, jetzt ist mir wohler.
Herzlich, Ihr Bernhard Jestl