Musik wurde nicht erfunden, um dirigiert zu werden, das ist sicher. Vielleicht hat man sich Nachrichten über größere Entfernungen hinweg zu gesungen, nicht gerufen oder geschrien, nein, man hat gesungen, weil das nicht so anstrengend und trotzdem weithin hörbar war. Ich glaube nicht, dass ein Steinzeitmensch mit einem abgebrochenen Holzstöckchen in der Rechten die Kollegen zum Singen aufgefordert hat: die Musik war vorher da.
Der Dirigent in seiner heutigen Form ist denn auch eine recht junge Erfindung: Die Größe der Orchester stieg ins Unermessliche und machte einen Ordner notwendig, und den Taktstock hat er auch nur, um besser gesehen zu werden, die Arme sind schlichtweg zu kurz, um vom dritten Posaunisten oder vom zweiten Pauker gesehen zu werden.
Warum hat das Münchener Kammerorchester eigentlich einen Dirigenten, fragen Sie sich jetzt, denn einen dritten Posaunisten werden Sie bei uns selten sehen, eher schon einen zweiten Pauker. Also, warum wir einen haben, werde ich an anderer Stelle zu erörtern versuchen, jedenfalls haben wir einen, der Konzerte ohne Dirigat ausdrücklich befürwortet, jetzt aber will ich Ihnen unser zweites Abokonzert nahe legen.
Wir werden Musik spielen, die nicht dirigiert zu werden braucht, ich gehe sogar so weit, zu behaupten, dass wir Musik spielen, die gar nicht dirigiert werden kann: Bachs vier Kontrapunkte aus der Kunst der Fuge etwa, oder Harveys erstes Streichquartett, außerdem Vivaldis Cellokonzert, auch Stravinsky und Beethoven lassen sich ganz großartig ohne Dirigent aufführen. Keine Sorge: wir werden mit Esther Hoppe, unserer Konzertmeisterin, und dem Solisten Pieter Wispelwey die Musik auf das Herrlichste zum Klingen bringen, als Spieler kommt man der Musik ganz nahe: man dringt tiefer in die Partitur ein, man sperrt die Ohren noch weiter auf als gewöhnlich, die Augen werden größer, die Seele durchlässiger. Der Kontakt zu den Mitspielern ist ohne Beispiel, die Bühne wird kleiner, das Publikum kommt näher. Man rückt zusammen, man ist aufeinander angewiesen, jeder ist gleichermaßen verantwortlich, der Platz in der Mitte des Podiums ist leer: verstehen Sie, was ich meine, bemerken Sie das Besondere, die Demokratie, die Freiheit?
Bernhard Jestl, Violine