Die Fuge

Eine der Fähigkeiten, die man als Orchestermusiker entwickeln sollte, ist es, bei der Ansicht von Notenmaterial möglichst schnell erfassen zu können, wie viel Zeit man in die Vorbereitung investieren muss und welche Parameter dabei besondere Aufmerksamkeit verlangen. Selten habe ich mich dabei so getäuscht wie bei der Großen Fuge op. 133 von Beethoven.

Ich spielte sie zum ersten Mal vor ungefähr zwei Jahren während einer Spanien-Tournee des Kammerorchesters in einer ohnehin programmintensiven Zeit. Ich schnappte mir also die Noten, meine Geige und eine Aufnahme, machte Fingersätze und ging in die Probe. Auf das, was dann kam, war ich nicht vorbereitet.

Die peitschenden Akkorde raubten mir den Atem. Schon der erste versetzte mich in eine Art Schockzustand, aus dem ich mich dann während der immer weiter fortschreitenden Harmonie-Mühle zu befreien suchte. Es war wie in einer Achterbahn, aus der man versucht auszusteigen, bevor die Fahrt zu Ende ist. Natürlich hält die Achterbahn nicht an, nur weil einer der Fahrgäste sich danach fühlt! Ich kämpfte eine Woche lang.

Nun, diese Saison spielen wir die Fuge in unserem zweiten Abonnementkonzert. Langsam kann ich an einer Hand die Tage abzählen und raten Sie mal, was ich diese und die letzte Woche getan habe? Ich habe täglich an der Fuge geübt und jeden Tag kommt sie mir aufs Neue so vor, als sähe ich sie zum ersten Mal.

Manchmal denke ich, für bestimmte Werke gibt es kein Netz und keinen doppelten Boden- sie leben immer wieder vom Risiko und den Schock-Momenten. Aber seien wir mal ehrlich, genau das ist es doch, was wir an einer Achterbahnfahrt so lieben! Also: Einsteigen und los!

Ihre Nina Zedler, Violine

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