Es gibt Rechnungen, die nicht aufgehen. Eine davon kennen wir alle:
Wenn ich zwei Socken in die Wäsche tue und hinterher nur einen einzelnen herausfische, muss der andere ja auch irgendwo sein. Logisch. Müsste er eigentlich. Sollte er eigentlich. Ist er aber nicht.
Es ist und bleibt ein Mysterium.
Im Orchester haben wir ein ähnliches Problem.
Wenn ich zwei Bleistifte besitze und noch fünf kaufe, dann habe ich am Ende…?
NULL!!!! Keinen einzigen. Alle weg. Als hätten sie sich in Luft aufgelöst.
Vielleicht sollte ich an dieser Stelle kurz erklären, wieso ich plötzlich über Bleistifte schreibe, wo ich doch eigentlich über unser Orchester berichten sollte.
Ganz einfach, weil eine Orchesterprobe ohne Bleistifte undenkbar ist!
Fast alles, was wir in den Proben besprechen, wird mit Bleistift in die Noten eingetragen.
Also Strich- und Lautstärkebezeichnungen, Phrasierungen und alles, was sonst noch wichtig scheint.
Ganz besonders lustig sieht das aus, wenn wir, wie diese Woche, die Semifinalisten des ARD-Wettbewerbes begleiten.
Auch wenn die Kandidaten das gleiche Konzert spielen, sind die Interpretationen oft sehr unterschiedlich.
Das kann dann an ein und derselben Stelle so aussehen:
Kandidat 1: piano
Kandidat 2: forte
Kandidat 3: crescendo
Kandidat 4: descrescendo
Kandidat 5: piano- forte- piano
Kandidat 6: forte- piano- forte.
Bei ausgesprochen limitierter Probenzeit kann sich das natürlich kein Mensch alles merken- wir schreiben es also in die Noten.
Und damit man das alles jederzeit wieder herausradieren und neu bezeichnen kann, brauchen wir Bleistifte. Nichts ist schlimmer als total vollgekritzelte Noten.
Was uns zum nächsten Problem führt: dem Radiergummi.
Gute Radiergummis sind nämlich eine Rarität.
Ein ganz normaler Radiergummi ist uns keine Hilfe, er würde auf dem Notenpult nur im Weg herumliegen und stören. Es muss schon ein Aufsteck- Radiergummi sein!
Und gute sind schwer zu bekommen.
Wenn ich einen guten Bleistift samt gutem Aufsteck- Radiergummi besitze, hüte ich ihn wie einen wertvollen Schatz.
Umso erstaunlicher, dass auch er irgendwann seinen Weg geht und sich wie alle Bleistifte von allen Kollegen einfach in Luft auflöst.
Liebes Socken- und Bleistift- Universum, wo auch immer du sein magst, habe doch bitte ein Einsehen und lass uns ein paar Bleistifte, damit wir anständig proben können!
Nina Zedler