beschrieben von Bernhard Jestl
Liebe Freunde, ich muss noch von unserem Publikum erzählen, paar Worte nur.
Also, zuallererst muss ich natürlich mein Lieblingspublikum nennen: die 200 netten Menschen, die den kleinen Saal in Resistencia, Argentinien, Provinz Chaco, hart an der Grenze zu Paraguay füllten, jawohl sie füllten ihn mit ihrer wunderbar freundlichen Anwesenheit, nämlich länger, als sie gedacht hatten. Ich habe ja bereits von dieser Stadt berichtet und von den Umständen, welche uns dorthin gebracht. Empfangen wurden die Leute bereits vor 21:45 (dem offiziellen Beginn des Konzerts) an der Tür zum Theater von drei wunderschönen türkis gekleideten Töchtern der Stadt, hinein geleitet in den Saal mit den hölzernen Klappstühlchen, da saßen sie und haben gewartet auf die Musiker aus dem Tausende Meilen entfernten München, das Ereignis des Monats, nein des Jahres. Zwischendurch den Saal wieder verlassen hatten einige, denn zu stickig die Luft dort drinnen, und angenehm draußen, kleines Lüftchen schob die Wärme vor sich her durch die rechtwinkelig angeordneten kleinen Straßen. Gewartet ganz lange, denn gespielt haben wir ja, wie bekannt, erst eineinhalb Stunden später, und alle noch da! halbwegs informiert vom Veranstalter. Stellen Sie sich vor, plötzlich kommt einer auf die Bühne und räumt paar Stühle und Pulte ab, denn konnten wir ja nicht vollzählig anreisen! also weg das dritte Pult der ersten Geigen und noch mehrere Stühle, genau beobachtet von 200 Augenpaaren und zwei Arbeitern hinter der Bühne, don’t need this? nimmt mir einer die Stühle ab, thankyou. Das Konzert beginnt um viertel nach elf, die dankbaren Menschen klatschen nach jedem Satz, wir lächeln ins Scheinwerferlicht und rutschen auf unbequemen Klappstühlchen hin und her, nächster Satz! Zum Schluss begeisterter zehnsekündiger Applaus, Daniel, unser Solist hat die Bühne verlassen, was tun? Wir stehen auf, Applaus brandet hoch, wir lächeln und verneigen uns, der Solist kommt wieder raus, verbeugt sich, geht wieder, Applaus wie abgeschnitten, wir stehen an unseren Stühlen. Wir bewegen uns, um von der Bühne zu gehen, und auf der Stelle klatschen sie wieder, was soll’s, wir sind draußen, Stille im Saal, das Konzert ist aus, keiner geht nach Hause. Hat man ihnen nicht gesagt, dass wir nicht das volle Programm spielen, wir lassen die Kammersinfonie von Schostakowitsch weg; spielen wir doch noch was, meinen einige, andere, schon umgezogen, wollen nach dem Marathon-Tag nur noch ins Hotel, also hinauf ich auf die Bühne und die Pulte abgeräumt, Noten eingesammelt genau beobachtet von 200 Augenpaaren und zwei Arbeitern hinter der Bühne, finished? finished! aber keiner verlässt den Saal. Erst als mit Sicherheit keine Musik mehr kommt, stehen die ersten auf und begeben sich zum Ausgang, aber alle froh und glücklich, dagewesen zu sein, lang gewartet, kurzes Konzert, aber herrlich gespielt das namhafte Kammerorchester aus München. Jetzt aber muss ich endlich einen Absatz machen, denn der Leser mag Absätze, ich bräuchte keinen, könnte ewig weiterschreiben, also kommt jetzt der Absatz:
Sehen Sie, hier war der Absatz, das aber nur am Rande, das Publikum in Buenos Aires: welcher Unterschied eine gute Flugstunde nur entfernt. Wir spielen im Teatro Colón, das ist wie Musikverein, oder Royal Albert Hall, oder Carnegie Hall, also etwas ganz Besonderes für uns alle, selbst unsere Solistin ließ es sich nicht nehmen, ihren ersten Ton im Teatro Colon mit Macht zu trällern, ohngeachtet unserer Anspielprobe, die sie auf gemeine Weise unterbrach, mein erster Tooon im Teatro Colóón!! Herrlich sechs Ränge winden sich in schwindelnde Höhen, illuminieren tausend Glühbirnen in goldenen Leuchten das altehrwürdige Mobiliar – dunkles Holz an purpurnen Sitzpolstern; man tritt durch den Bühnenvorhang auf, auseinander gezogen an massiven Henkeln von zwei wackeren Helfern, überhaupt bestens organisiert der Backstage-Bereich, auch die wissen, wo sie arbeiten: im Teatro Colón! und natürlich das Publikum weiß auch, wo es sich befindet: kommt angeschwebt über den Teppich auf weichen Schuhen, weißem Dinner-Jacket und Nerzjäckchen, hochhackige mondäne informierte reiche Leute, sauteuer die Eintrittspreise, haben wir erfahren, auch für europäische Verhältnisse sauteuer, nein schweineteuer, wenn Sie erlauben. Aber Standing Ovations haben wir gekriegt im Teatro Colón, zweimal ausverkauft das riesige Haus mit seinen 2500 Sitz- und 1000 Stehplätzen, im Übrigen ganz großartig auch vom Klang her, jawohl.




