Unser Publikum in Argentinien

05. Juli 2011

beschrieben von Bernhard Jestl

Liebe Freunde, ich muss noch von unserem Publikum erzählen, paar Worte nur.

Also, zuallererst muss ich natürlich mein Lieblingspublikum nennen: die 200 netten Menschen, die den kleinen Saal in Resistencia, Argentinien, Provinz Chaco, hart an der Grenze zu Paraguay füllten, jawohl sie füllten ihn mit ihrer wunderbar freundlichen Anwesenheit, nämlich länger, als sie gedacht hatten. Ich habe ja bereits von dieser Stadt berichtet und von den Umständen, welche uns dorthin gebracht. Empfangen wurden die Leute bereits vor 21:45 (dem offiziellen Beginn des Konzerts) an der Tür zum Theater von drei wunderschönen türkis gekleideten Töchtern der Stadt, hinein geleitet in den Saal mit den hölzernen Klappstühlchen, da saßen sie und haben gewartet auf die Musiker aus dem Tausende Meilen entfernten München, das Ereignis des Monats, nein des Jahres. Zwischendurch den Saal wieder verlassen hatten einige, denn zu stickig die Luft dort drinnen, und angenehm draußen, kleines Lüftchen schob die Wärme vor sich her durch die rechtwinkelig angeordneten kleinen Straßen. Gewartet ganz lange, denn gespielt haben wir ja, wie bekannt, erst eineinhalb Stunden später, und alle noch da! halbwegs informiert vom Veranstalter. Stellen Sie sich vor, plötzlich kommt einer auf die Bühne und räumt paar Stühle und Pulte ab, denn konnten wir ja nicht vollzählig anreisen! also weg das dritte Pult der ersten Geigen und noch mehrere Stühle, genau beobachtet von 200 Augenpaaren und zwei Arbeitern hinter der Bühne, don’t need this? nimmt mir einer die Stühle ab, thankyou. Das Konzert beginnt um viertel nach elf, die dankbaren Menschen klatschen nach jedem Satz, wir lächeln ins Scheinwerferlicht und rutschen auf unbequemen Klappstühlchen hin und her, nächster Satz! Zum Schluss begeisterter zehnsekündiger Applaus, Daniel, unser Solist hat die Bühne verlassen, was tun? Wir stehen auf, Applaus brandet hoch, wir lächeln und verneigen uns, der Solist kommt wieder raus, verbeugt sich, geht wieder, Applaus wie abgeschnitten, wir stehen an unseren Stühlen. Wir bewegen uns, um von der Bühne zu gehen, und auf der Stelle klatschen sie wieder, was soll’s, wir sind draußen, Stille im Saal, das Konzert ist aus, keiner geht nach Hause. Hat man ihnen nicht gesagt, dass wir nicht das volle Programm spielen, wir lassen die Kammersinfonie von Schostakowitsch weg; spielen wir doch noch was, meinen einige, andere, schon umgezogen, wollen nach dem Marathon-Tag nur noch ins Hotel, also hinauf ich auf die Bühne und die Pulte abgeräumt, Noten eingesammelt genau beobachtet von 200 Augenpaaren und zwei Arbeitern hinter der Bühne, finished? finished! aber keiner verlässt den Saal. Erst als mit Sicherheit keine Musik mehr kommt, stehen die ersten auf und begeben sich zum Ausgang, aber alle froh und glücklich, dagewesen zu sein, lang gewartet, kurzes Konzert, aber herrlich gespielt das namhafte Kammerorchester aus München. Jetzt aber muss ich endlich einen Absatz machen, denn der Leser mag Absätze, ich bräuchte keinen, könnte ewig weiterschreiben, also kommt jetzt der Absatz:

Sehen Sie, hier war der Absatz, das aber nur am Rande, das Publikum in Buenos Aires: welcher Unterschied eine gute Flugstunde nur entfernt. Wir spielen im Teatro Colón, das ist wie Musikverein, oder Royal Albert Hall, oder Carnegie Hall, also etwas ganz Besonderes für uns alle, selbst unsere Solistin ließ es sich nicht nehmen, ihren ersten Ton im Teatro Colon mit Macht zu trällern, ohngeachtet unserer Anspielprobe, die sie auf gemeine Weise unterbrach, mein erster Tooon im Teatro Colóón!! Herrlich sechs Ränge winden sich in schwindelnde Höhen, illuminieren tausend Glühbirnen in goldenen Leuchten das altehrwürdige Mobiliar – dunkles Holz an purpurnen Sitzpolstern; man tritt durch den Bühnenvorhang auf, auseinander gezogen an massiven Henkeln von zwei wackeren Helfern, überhaupt bestens organisiert der Backstage-Bereich, auch die wissen, wo sie arbeiten: im Teatro Colón! und natürlich das Publikum weiß auch, wo es sich befindet: kommt angeschwebt über den Teppich auf weichen Schuhen, weißem Dinner-Jacket und Nerzjäckchen, hochhackige mondäne informierte reiche Leute, sauteuer die Eintrittspreise, haben wir erfahren, auch für europäische Verhältnisse sauteuer, nein schweineteuer, wenn Sie erlauben. Aber Standing Ovations haben wir gekriegt im Teatro Colón, zweimal ausverkauft das riesige Haus mit seinen 2500 Sitz- und 1000 Stehplätzen, im Übrigen ganz großartig auch vom Klang her, jawohl.

(2 Bilder von Wikipedia)

Reise mit Hindernissen

26. Juni 2011

Unser letzter Tourneetag kurz und knapp – beschrieben von Bernhard Jestl

4:45     Der Wecker schrillt im Ritz-Carlton Hotel in Santiago de Chile

5:00    Busabfahrt zum Flughafen (de facto 5.20, weil zwei Kollegen verschlafen haben)

6:30     Warten auf die neuen e-tickets, denn die sind noch nicht bereit, der Flug wurde ja wegen des Vulkanausbruchs verschoben

7:00     Einchecken streng nach Alphabet von Barwisch bis Zedler, die Mitarbeiter von Sky-Airlines erweisen sich als freundlich, aber unfähig

7:45     Flug nach Buenos Aires

10:30   Ankunft in Buenos Aires Ezeiza

11:00   Busfahrt zum Inlandsflughafen Aeroparque

12:00  Ein Zwischenagent erscheint und lädt uns zum Essen in einer schäbigen Flughafenkantine ein

Wir haben sehr viel Zeit und wandern am Ufer des Rio de la Plata entlang, für den Weiterflug ist das Orchester in zwei Gruppen aufgeteilt, denn es gibt nur noch 8 Plätze im Flugzeug (sehr merkwürdig, steht doch das Konzert seit langer Zeit fest)

14:00   Einchecken der ersten Gruppe, bestehend aus 3 Bratschern und 5 Geigern, in den Linienflug nach Resistencia

14:30  Einsteigen der zweiten Gruppe in eine gecharterte Propellermaschine, die sich als Schrotthaufen erweist

15:30   SMS der Chartergruppe an die Liniengruppe: vielleicht werden wir gar nicht fliegen

15:45   Es geht los, die erste Gruppe steigt ins Linienflugzeug, denn die anderen wollen doch losfliegen, übrigens wundert man sich, dass die Maschine halb leer ist: genug Platz für alle wäre da gewesen

16:00  Die zweite Gruppe weigert sich endlich, mit dem Charter-Schrottflugzeug zu starten

17:30   Die erste Gruppe landet in Resistencia, SMS der Chartergruppe, dass sie nicht losgeflogen sind – Verwirrung macht sich breit

17:30   Die zweite Gruppe versucht, einen Linienflug zu bekommen, es gibt aber nur noch 12 Plätze, davon 2 in der Businessclass

18:00  Die erste Gruppe fährt in einem schwindligen Mini-Van ins unsägliche Stinkehotel (siehe Artikel vom 19.6.) und erfährt von unwägbaren Verspätungen der zweiten Gruppe

18:00   Schweren Herzens beschließt die zweite Gruppe, 4 Kollegen in Buenos Aires zurück zu lassen

18:30   Ankunft der ersten Gruppe im Hotel mit erschwerter Zimmersuche, übrigens ein Ausweichhotel, denn im gebuchten gibt es plötzlich keine Zimmer mehr (sehr merkwürdig, steht das Konzert doch seit langer Zeit fest) man verabredet sich um 22:00 im Konzertsaal; das Konzert sollte laut Plan um 21:45 beginnen

21:15   Nach heillosen Verspätungen endlich Start des Linienflugzeuges der geschrumpften zweiten Gruppe in Buenos Aires, seltsam die vielen leeren Sitze in der Maschine, hieß es nicht, es gäbe nur noch 12 Plätze, davon 2 in der Businessclass?

22:00 Treffpunkt der ersten Gruppe im Theater, das Publikum sitzt bereits auf den Stühlen

Wir haben viel Zeit und erkunden ein wenig die Umgebung, es ist tropisch heiß und das Publikum sehr geduldig, jetzt erst erfahren sie, dass das MKO Schwierigkeiten bei der Anreise hätte, man solle doch noch etwas ausharren

22:45  Die zweite Gruppe landet in Resistencia und rast mit zwei schwindligen Mini-Vans in die Stadt

23:00  Die zweite Gruppe trifft im Theater ein und zerrt die Konzertkleidung aus den Koffern: wir sind wieder zusammen!

23:15   Das Konzert beginnt mit anderthalb Stunden Verspätung, ganz ohne Probe, wir spielen ein verkürztes Programm – währenddessen dreht unser Manager paar Runden mit dem Veranstalter durch die Stadt auf der Suche nach einem zweiten Hotel, denn das reservierte ist ja ausgebucht???

0:15    Ende des Konzerts, das Publikum klatscht etwa 10 Sekunden und verharrt dann regungslos auf den Plätzen, niemand, auch nicht unser brasilianischer Reisebegleiter Alfredo (Name geändert, Anm. d. Red.) hält sich dafür verantwortlich, den Leuten zu sagen, dass das Konzert aus sei, statt dessen drückt er hektisch beiddäumig auf sein Smartphone und will jetzt essen gehen

0:45    die erste Gruppe geht zu Fuß zurück in ihr Stinkehotel

1:00    Die zweite Gruppe macht sich mit zwei schwindligen Mini-Vans auf ins blitzschnell gebuchte Hotel außerhalb der Stadt, keine Überraschung: es gibt noch massenhaft freie Zimmer

6:00    Der Wecker schrillt im Stinkehotel in Resistencia

Rio

20. Juni 2011

Kurzer Bericht von Bernhard Jestl

Fliegt man weg aus Rio, und noch in westlicher Richtung nach Sao Paulo, dreht die Maschine einen perfekten Halbkreis erst süd-, dann westwärts um die ganze Stadt, und sitzt man auch noch auf der rechten Seite am Fenster, hat man einen Blick über die ganze Stadt, einen grandiosen, einen atemberaubenden: man sitzt schräg und starrt geweiteten Auges nach unten, welch ein Glück, wenn das auch noch abends geschieht, ein Glitzermeer von ungezählten Goldsternen ausgestreut von einem Engel über die Hügel und Buchten dieser Traumstadt, oder gelegt ein Mantel aus goldgewirktem Stoff über Berge und Täler, in denen die Stadt sich ausbreitet; kann man ja sämtliche Konturen erkennen, welche man sich tags zuvor eingeprägt hat, Copacabana, Ipanema, das Stadtzentrum, wo wir gewohnt haben, Zuckerhut natürlich gut zu sehen samt Seilbahn, und über allem Cristo Redentor auf dem Corcovado – so heißt der Hügel – mit ausgebreiteten Armen segnet er das von den Engeln bereitete Wunder.

Sind wir gerade noch gefahren auf schlechter Autostraße vom Stadtzentrum zum Flughafen, geschaukelt durch profunden Stau mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa acht km/h. Zeit genug, die Peripherie zu betrachten, denn der Weg zum Flughafen zeigt uns das Hinterteil der Städte, Gegenden, zu gefährlich zu besichtigen, man hat ja auch keine Zeit! man muss watscheln über den Strand von Ipanema, trinken Caipirinha am Strande von Copacabana, fahren mit der Seilbahn auf den Zuckerhut und natürlich proben und ein Konzert spielen im herrlichen Teatro Municipal.

Kinder, die alle möglichen Utensilien verkaufen wollen, hangeln sich zwischen den schleichenden Autos durch, virtuos wechseln sie die Spuren, geschickt weichen sie den wahnsinnigen Motorradfahrern, die unter beständigem schrillen Hupen zwischen den Autoschlangen nach vorne rasen, aus, schleppen Küchenschwämme, Putzlumpen, Taschentücher, Kekse, schleichen dahin auf Badelatschen durch staubige Pfützen, atmen bleischwere Dreckluft und verkaufen doch nichts, denn kein Interesse zeigen Autofahrer, soll man doch nicht öffnen das Fenster bei eingeschalteter Klimaanlage! und außerdem weiß man ja nie, ob nicht einer plötzlich eine Knarre dabei hat. Besser hats die Frau an ihrem Verkaufsstand direkt an der Einmündung einer Zufahrtsstraße, im Dreieck steht ihr Kiosk mitsamt Sonnenschirm, muss nur dastehen und warten, aber kauft auch bei ihr keiner was.

So fressen sich die Hütten langsam über die Hügel hinauf und hinten wieder hinunter, oder, wenn der Hügel zu steil wird, bleiben sie auf halber Höhe kleben, streben nach oben oder breiten sich aus ewig an den Ausfallstraßen der Stadt entlang. Das Letzte, was ich von Rio im Dämmerlicht sehe: wahllos durcheinander gestapelte unverputzte Graffiti-beschmierte Ziegelbaracken, auf denen die Wäsche flattert, und einsam ein älterer Mann, der auf dem Flachdach einen winzigen Drachen an der Schnur steigen lässt, magere Beine schauen aus zerschlissener kurzer Hose, grau-schwarz-schmutzig-löchriges Unterhemd, schaut er nach oben, beobachtet das flatternde gelbe Papierspielzeug und der Enkel geht verkaufen auf der Autobahn. Und so wird Cristo Redentors weltumspannende Gebärde zum hilflosen Armeheben. Das Gold aber, vom Flugzeug aus zu sehen, stammt zum großen Teil aus jenen abbruchreifen Ziegelhäusern zu seinen Füßen, aber das weiß er nicht.

(Quelle der Bilder: wikipedia)

Zimmer wechseln

19. Juni 2011

Bernhard Jestl

Kennen Sie Resistencia? Ja, wirklich? Nein, also ich kannte es nicht, bevor wir auf unserer Südamerika-Tournee dort spielten, eine argentinische Kleinstadt hart an der Grenze zu Paraguay, 25 Grad Celsius und feucht, gerade angekommen aus Santiago de Chile, 5 Grad Celsius nach 12, nein 14 oder 17-stündiger Reise, kein Scherz.

Erstmal ins Hotel! herrlich, nach zwei Flügen und einer Busfahrt und elenden Wartezeiten und elenden Menschenschlangen an Zoll-, Pass- und sonstigen Kontrollen schließlich zur Ruhe kommen zu können – nur bisschen wenigstens. Endlich der Zimmerschlüssel, 221! welche Bauchlandung nach dem Ritz-Carlton-Hotel in Santiago, welches wir um 5 Uhr verlassen hatten, ein unsägliches Hotel in Resistencia, Argentinien, Provinz Chaco, hart an der Grenze zu Paraguay: es riecht scharf nach Putzmittel, Kakerlakenspray und kaltem Zigarettenqualm, schnell umgedreht: Zimmer wechseln, gibts vielleicht ein Nichtraucherzimmer?, natürlich, 415! und hinein ungebremst in den scharfen Geruch nach Putzmittel, Kakerlakenspray und kaltem Zigarettenqualm, also wieder mit Koffer, Geigenkasten und Notentasche hinein in den Aufzug mit den wunderbar alten quietschenden Scherengittern: zweimal ratsch auf und zweimal ratsch zu und wackelig hinunter in die Lobby, zweimal ritsch-ratsch aufgemacht die Gitter: ach, die vierte Etage ist die Nichtraucheretage? und warum dann der tellergroße Aschenbecher auf dem Tisch; jetzt aber bringt mich der Chef persönlich, ganz liebenswürdiger Mensch, ins Zimmer 122! hinein in den scharfen Putzmittelgeruch und Kakerlakenspray aber: – kein Zigarettenqualm, welche Wohltat, dafür aber direkt über der Straße, naja die jahrelange Orchestererfahrung lehrt, nie ohne Ohropax zu reisen, also auspacken und ausruhen, denn bald beginnt das grandiose Konzert in Resistencia, Argentinien, Provinz Chaco, hart an der Grenze zu Paraguay – aber das ist ein ganz anderes Kapitel, wovon noch berichtet wird.

Und beim Frühstück habe ich ihn dann wirklich gesehen: ein grauschwarzer Kakerlak, eilenden Schrittes morgens um Viertel nach sechs über den Nachbartisch, und schon verschwunden zwischen den Falten des weißlichen Tischtuches im unsäglichen Stinkehotel in Resistencia, Chaco, Argentinien.

Kaffeehäuser

14. Juni 2011

“Obrigada!” Da war es wieder, dieses kleine Wort- “danke” auf portugiesisch- , das bei meinem Gegenüber ein mitleidiges Lächeln hervorruft.
Ach ja- richtig: Brasilien war gestern, heute sind wir in Argentinien!
Mich beschleicht ein mir nicht unbekanntes Gefühl: dass mein Kopf der Tournee hinterherhinkt.

Wir befinden uns auf einer Tournee durch Südamerika, mit einem äußerst anspruchsvollen Programm: Pergolesis Orpheus- Kantate, der Kammersinfonie Nr. 8 von Schostakowitsch, C. P. E. Bachs erster Sinfonie und dem zweiten Streichquartett von Schönberg in seiner Fassung für Kammerorchester.
Die Konzertsäle sind fantastisch: Die Teatros Municipales in Rio de Janeiro und Santiago de Chile, der wunderbare Sala Sao Paulo, ein altes, zum Konzertsaal umgebautes Bahnhofsgebäude und- heute- das berühmte Teatro Colon in Buenos Aires.

Es sind Konzerte, die schon ohne Reisen, fremde Orte und Eindrücke die volle Geisteskraft in Anspruch nehmen.
Jedoch- heute abend im Teatro Colon auf der Bühne zu sitzen ist für mich im Augenblick noch eine sehr abstrakte Vorstellung.
Und so beschließe ich schweren Herzens, heute auf Besichtigungen zu verzichten.
Erst einmal muss auch mein Kopf hier ankommen.

Also- was tun?
Vielleicht in Ruhe einen Kaffe trinken gehen?
Und welche Stadt wäre dafür besser als Buenos Aires, das berühmt ist für seine Kaffeehäuser?
Nein, mich zieht es nicht zu den bekannten Adressen wie dem Cafe Tortoni.
Nicht heute.
Ich mache einen kurzen Spaziergang zum Cafe an der nächsten Ecke.

Ich gebe meine Bestellung auf, sehr holprig zwar, aber der Kellner lächelt freundlich.
Ich blicke um mich.
Ein junges Paar am Nebentisch liest eine Illustrierte, ein älterer Herr mit rauher Stimme unterhält sich mit dem Kellner über einen Zeitungsartikel.

Der Kaffee schmeckt fantastisch, ebenso das Gebäck.
Je länger ich sitze, desto weniger fremd erscheinen mir der Ort und seine Sprache.
Langsam finden auch mein Kopf und meine Gedanken ihren Weg nach Buenos Aires.
Und das Teatro Colon scheint plötzlich garnicht mehr weit weg zu sein.

Liebes Kaffeehaus, lieber Kellner:
“Muchas Gracias!”

Nina Zedler

Kofferpacken

05. Juni 2011

Gerade frisch aus der Pinakothek der Moderne nach Hause gekommen, wo wir noch ein „Nachtkonzert der Moderne“ gespielt haben, geht es jetzt ans Kofferpacken – denn morgen geht es ab nach Südamerika!

Ich muss sagen, einen Koffer für eine Tournee zu packen, ist doch etwas anders als für eine Urlaubsreise. Seit Tagen habe ich schon im Kopf, was ich auf keinen Fall vergessen darf: Meinen Extra- Reisewecker, denn vor lauter Jetlag am Ende noch den Handy-Wecker überhören und eine Orchester-Busabfahrt oder eine Probe verpassen? Um Himmels Willen – da gehe ich doch lieber auf Nummer Sicher!

Außerdem sieht mein Koffer aus, als führe ich an einen Ort, an dem es nichts zu essen gibt: voll mit Notfallrationen wie Knäckebrot, Müsliriegel, Tauchsieder, Tütensuppen und Instant-Kaffee. Zu meiner Verteidigung muss ich allerdings sagen, dass ich zu der Sorte Schnellverbrenner gehöre, die absolut grantig werden, wenn sie Hunger haben. Jedenfalls wenn mein Gehirn dann noch weiterarbeiten soll und weit und breit keine Aussicht auf Essen besteht, wie beispielsweise auf einer langen Orchester-Busfahrt.

Dann: Ersatzsaiten, Metronom, Hoteldämpfer und… Noten – ja wo tue ich denn die Noten hin?
Mitnehmen kann ich eigentlich nur die, die ins Handgepäck passen. Denn Noten im Koffer – das geht einfach garnicht! Wenn der Koffer verlorengeht – naja – auf die Kleidung kann man ja ein paar Tage warten, aber auf die Noten? Ach ja, und dann muss ich noch meinen Geigenkasten durchsuchen. Alle Gegenstände entfernt, die nicht ins Handgepäck dürfen? Ich kann garnicht mehr zählen, wie viele Nagelscheren mir schon am Flughafen abgenommen wurden, die ich im Geigenkasten vergessen hatte.

Außerdem überlegenswichtig: Schwimmsachen, um zwischendurch die Muskeln zu entspannen. Eingequetscht im Flugzeug sitzen und am Abend Konzerte spielen verträgt sich nicht besonders gut. Ein gepolstertes Reisekissen und Dehn-Übungen helfen da weiter. Habe ich mein Thera-Band?

So, langsam nähern wir uns den Touristen- Artikeln. Denn natürlich hoffe ich ja doch, wenigstens ein kleines bisschen die Städte anschauen zu können, in die wir reisen. Rio de Janeiro, Sao Paulo, Buenos Aires, Santiago de Chile und Resistencia – nicht die uninteressantesten Orte! Also, Reiseführer, Sprachführer portugiesisch und mein altes Spanisch-Grammatik-Heft zum Aufpolieren – sind natürlich auch dabei!

Auch wenn Tourneen meist vollgepackt sind mit Reisen, Konzerten und Proben, ergeben sich doch manchmal kostbare freie Stunden, in denen ich mich voller Enthusiasmus unter die Touristen mische. Aber die größte Verbindung zu den Orten habe ich immer über die Konzertsäle, die Bühnenarbeiter und das Publikum.

Ich liebe die Momente, in denen ich die Bühne betrete und realisiere, wo ich bin.
Ah- das sind die Leute in Rio de Janeiro, die am Abend ins Konzert gehen.
Ich kann plötzlich den Ort spüren.
Und dass Musik die Kulturen verbindet.

Nina Zedler

Straßenmusik

18. Mai 2011

Bernhard Jestl

Saß ich letzte Woche im Münchner Hofgarten während einer Probenpause, wollte bei bestem Frühlingswetter ein wenig der Ruhe pflegen, aber weit gefehlt! Rossini – Ouvertüren am laufenden Band quälten meine Ohren, tönten lauthals zwischen Tambosi und Herkulessaal unter den Arkaden, welche den Klang noch gehörig verstärkten, Flöte, Oboe, Fagott, Cello, Bass konnte ich unschwer identifizieren, vielleicht war auch eine Geige dabei – oder auch eine Klarinette? konnte ich beim besten Willen nicht feststellen, denn es gibt ja noch ganz andere Lärme auf der Straße.

Es gab Zeiten, wo die unvermeidliche Panflötengruppe aus Bolivien mit bunt gestrickten Mützen und sanft federnden Knien an der Ecke vor dem Karstadt musizierte, oder ein einsamer Gitarrist Bob Dylan mehr oder weniger erkennbar interpretierte, außerdem noch zwei Geiger ihre Studentenkasse aufbesserten und mehrfach ihre Spohr-, Pleyel- oder auch andere Duos wiederholten, bis der Geigenkasten gefüllt war.

Jetzt gibt’s alle Instrumente in der Fußgängerzone: Didgeridoo, Cembalo, Piccoloflöte, verstärkt oder unplugged, ja sogar einen Flügel im Nieselregen vor der Oper habe ich gesehen, armes Instrument quillt auf und wird noch kaputter als es ist. Fast jeder Solist hat seine Begleitung dabei, plärrt krachend der Lautsprecher das fehlende Orchester. Die Qualität aber hat zugenommen: selbstgezimmerte Arrangements aller verfügbaren Rossini – Ouvertüren für eine Flöte, ein Fagott plus Cello und Klavier, wirklich äußerst geschickt gefertigt für die Instrumente, die eben gerade da sind; lernt man einen Hornisten kennen, wird flugs noch eine Stimme für ihn hinzugedichtet, a propos Hornisten! besonders im Winter empfängt uns ja gerne die Horngruppe aus St. Petersburg am Ausgang des Herkulessaals: Es ist ein Ros entsprungen gesetzt für vier Hörner und Tenortuba, wirklich nicht schlecht, nahezu blitzsauber blasen die fünf rotnasigen Russen mit blauen Lippen und Eisfingern.

Oder die vielen, vielen Tango spielenden Akkordeonisten! geben sich am liebsten in den Arkaden größte Mühe, sämtliche Geräusche von Einkäufern, Schlenderern, Radfahrern und sonstigen Passanten zu übertönen, weiß ich übrigens selbst, wie laut!! die Stadt!!! ist!!!! wenn man versucht, sich auf seine Geige zu konzentrieren, das hört doch kein Mensch, glaubt man, hält in die Saiten und spielt zum zehnten Mal das tolle Duo von Gebauer, denn da bleiben die Leute stehen, beim Mozart nicht, wie seltsam, ob das an uns liegt? also ich habe während meines Musikstudiums nur zweimal das Vergnügen gehabt, in der Fußgängerzone zu spielen, habe aber seitdem großen Respekt vor den Leistungen der Musiker, denn: vom Klang her ist das alles ja sehr schön, wollen wir aber nicht vergessen, es als das zu nehmen, was es ist: harte Arbeit.

Polster

11. Mai 2011

Haben Sie schon den Blog – Eintrag vom 30. März dieses Jahres gelesen? Wie? noch nicht, dann lesen Sie ihn jetzt und dann den folgenden.

Nina Zedler hat auf eindrückliche Weise die Ursache beschrieben, die uns bisweilen am Ende des Konzerts ächzend aufstehen lässt, kaum können wir uns verbeugen! so angegriffen ist der Rücken nach zwei Stunden langem Verharren auf ungeeignetem Sitzmöbelstück. Es gibt aber noch andere Unwägbarkeiten, die einem auf Tourneen begegnen können: Hotelbetten, genauer: Hotelkopfkissen, verzeihen Sie, jetzt wird’s ganz unmusikalisch.

Es gibt generell vier schlimme Sorten von Kopfkissen, oder gestatten Sie mir das österreichische Wort dafür zu gebrauchen: Polster, die Österreicher sagen Polster – der Polster sagen sie, nicht das, nein, der Polster. Also vier Arten von Pölstern gibt’s:

1. Hart, schwer und unbeweglich. Legst du dich drauf, ändert er seine Form kaum, bleibt wie er ist: unnahbar und unbrauchbar: der Steinpolster.

2. Weich, dick, groß und labbricht. Man legt sich hinein, landet mit dem Kopf direkt auf der Matratze, zwei Teile stehen rechts und links hoch wie bei Onkel Fritze: der Breipolster.

3. Schlappig, schlampig und gefüllt mit zerstörtem Innenleben (jawohl das gibt’s auch im 5 – Sterne – Hotel). Lauter weiche, aber auch harte Kleinteile – ehemaliger Schaumstoff, zerquetscht von hundert Gesichtern – füllen den merkwürdigen Sack auf deinem Bett: der Polster voller Sachen.

4. Feindlich, widerspenstig und tückisch. Man sinkt recht weit ein, bisschen nachgiebig ist dieser, hebst du den Kopf allerdings, sieht er aus wie neu, springt sofort in die ursprüngliche Form zurück, ist ganz elastisch und gibt dir gar kein heimeliges Gefühl: der Gummipolster.

Wir waren aber unlängst in Schweden, in Göteborg genauer gesagt, ich nenne hier nicht den Namen des Hotels, da hatte ich es mit einem seltenen Exemplar zu tun: handlich 40 mal 80 Zentimeter, nicht weich, nicht hart, nachgiebig, aber nicht zu sehr und formbar: geeignet sowohl für den Rücken-, Seiten- oder Bauchschläfer, was soll ich sagen, wie zu Hause: ich legte mich hinein und schlief neun Stunden.

Also, das war wirklich ein unkünstlerischer Beitrag, ich sehe es ein.

Herzlich, Ihr Bernhard Jestl

KOREA EXPRESS

27. April 2011

Barcelona. Urgent message on the hotel message board. Alexander [Liebreich] needs help in Korea ASAP! What’s going on? Apparently some people became paranoid about the radiation that was not there… go figure. Back to the board. SOS JAPAN concert with Alexander and Good Friends (it was not written on the message board but it emerged later). Sounded like a crazy idea to go from a ten day Spanish tour to a twenty-four hour (I had no clue at the moment that it would be so) journey to Tongyeong on the other side of the sphere.
At one moment I’m on a plane from Barcelona to Munich and sixteen hours later I’m sitting in another airplane to Paris Charles de Gaulle wondering how is it going to be.
My girlfriend, Alexa, is a violist. She had played a few times in the MKO and she thought she could also help so she was there on the plane sitting with me and ready to fly to South Korea. Thanks to her this trip was looking less and less tedious. She had this blue card from Delta that upgraded both of us to Business Class on the flight from Paris to Busan.
So there you go: girlfriend, Business Class, movies and music is all I needed to have a good flight. Oh, and good pilots too…
Two colleagues from MKO where also there: Mario [Korunic] and Onur [Özkaya]. They were not so lucky with the Business Class bumping… but I guess they did alright too, maybe a bit more cramped and squeezed. I almost forgot. The food was stressful. Putting on table cloth, putting tray, taking tray away, putting dishes, taking dishes, more water, Sir?… I was having trouble understanding why it had to be so hectic. I was barely finished with the first course and they were bringing the second one (and I eat pretty fast!).
A brief recap of the journey before we jump to Tongyeong: Munich – Paris – Seoul – train to another airport in Seoul (of which I can’t remember the name at the moment) – Busan – bus to Tongyeong – hotel – concert hall. Tired just from writing it down…
I knew this concert hall from the last visit with MKO so it wasn’t new to me. What was new was we had no idea how everything was going to develop. A nice Korean musician gave us the music and we looked briefly at it (it was repertoire we knew from past concerts so no stress there). Alexa didn’t know it all but express studied it. Alexander came and greeted us very thankfully for our help. The rehearsal was short. There we were mixed with Korean musicians from the TIMF [Tongyeong International Music Festival] rehearsing Barber, Bártok and Pärt with Alexander.
The concert was a bouquet of musical genres and artists, from classical to jazz with some English/Korean mixed dialogues. We performed at the end and it had nicely evolved in quality and sound. Alexander was conducting peacefully and relaxed – which I very much appreciated as it helps the musicians to unwind and focus on the sound and freely enjoy the music and sounds. The audience and Tongyeong’s Mayor enjoyed this little-big gesture very much.
After the concert we had some strange chicken meal. I called it Chucken because the flavour was a mutation between chicken and duck. Mario and Onur abstained. I was too hungry…
Back to the hotel that is probably the one I detest most in the world: thin walls, partying teenagers, sketchy-room-doors, shower towels that are big enough to dry your feet BUT with a great sea view. After a six-hour-nap we were seated in the van riding to Busan’s Airport to board an almost direct flight to Munich – back to rehearsals there. The TIMF crew was very nice and had organized for us breakfast boxes with tasty stuff.
Bought a camcorder at one of the airport’s duty-free shops. The nice German lady in Munich’s Customs didn’t think so… So I was forced to pay taxes and an unfair penalty and left very frustrated. Maybe next time I’ll shave…
Now back to as-normal-as-it-can-be life.

Jano Lisboa, viola

Zwergenaufstand

12. April 2011

Wenn Sie schon immer einmal wissen wollten, wie sich Schumanns Rheinische Sinfonie in Kammerorchester- Besetzung anhört, ist unser nächstes Abonnement- Konzert am Donnerstag abend im Prinzregententheater genau das richtige für Sie.
Zu gerne würde ich es mir selber anhören!

Ich bin schon sehr neugierig, denn es ist wirklich eine Herausforderung, auf der einen Seite die schiere Lautstärke zu produzieren, die nötig ist, um gegen einen riesigen Bläser- Apparat anzuspielen, und auf der anderen Seite die Klangfarben herauszukitzeln, die eine Kammerorchesterbesetzung erst möglich macht.
Nur so zum Vergleich: wir spielen in unserer gewohnten Streicher- Stärke, das heißt, dass wir in den ersten Geigen zu sechst das Volumen erreichen müssen, das normalerweise mindestens zehn Geiger aufbieten!

Im Gegenzug kommen die Bläser uns natürlich entgegen und spielen wesentlich schlanker als sie es normalerweise tun würden, damit wir uns nicht allzusehr wie beim Zwergenaufstand anhören!

Mein Ehrgeiz ist geweckt.
Was kann man tun, um die fehlende Masse auszugleichen?
Spielen mit Haut und Haaren, jeden Zentimeter Bogen ausreizen, jedes Bogenhaar benutzen, jedes Sechzehntel ausspielen.
Jede Geste übertreiben.
Baden im Klang!

Und auch in den leisen Stellen ist die Verantwortlichkeit eine ganz andere, wenn man es in so kleiner Besetzung spielt.
Unsere Aufgabe ist es dort, eine spezielle Klangfarbe zu finden, die sich gut mit den Holzbläsern mischt, ohne unterzugehen!
Das Experiment könnte also unter Umständen ein farbenreiches werden…

Farbenfrohe Grüße,
Nina Zedler