
SEason 12/13 ›DRAMA!‹
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SEHR GEEHRTE DAMEN UND HERREN,
Eine Konzertsaison mit dem Wort "Drama" zu überschreiben, hat zwei grundlegend verschiedene Aspekte:
1. Musik und Theater oder auch Musik im Theater. Hier gilt es die szenische Dimension zu betrachten. Naheliegend sind dabei Gattungen wie Schauspielmusik, Ballettmusik und oper, Beethovens Musik zu Goethes Schauspiel "Egmont" etwa oder Stravinskys für den Choreographen Balanchine geschriebene feingliedrige Komposition "Apollon Musagète". Für den Ausführenden und natürlich den Dirigenten stellen sich differenziertere Fragen: Wo und wie trifft die Musik auf Text, welche Wechselwirkungen ergeben sich mit der Handlung, wie transportiert und suggeriert die Musik das Geschehen, wie weit ist der Musiker selbst Darsteller? Moderne Komponisten wie etwa den Schweiz-Österreicher Beat Furrer beschäftigt genau diese Schnittstelle: Die Gestik der Musiker, z.B. ein Aufstrich auf dem Streichinstrument, wird hier zum szenischen, eindrücklichen Element im Stück. Oder: Der Musiker spielt nicht nur, sondern artikuliert - Wörter, Laute, Klänge treten in Wechselwirkung mit der Musik, es entstehen inhaltliche, aber auch rein klangliche Kontexte oder Irritationen. Schließlich: Der Musizierende bewegt sich im Konzertraum oder verlässt spielend das Podium. Also ist der Konzertsaal zugleich auch theatrale Bühne. John Cage trifft den Nagel auf den Kopf. In 4’33’’ werden Musiker und Publikum gemeinsam durch eine komponierte Generalpause unweigerlich zu den Hauptakteuren. Etwas provokant, vor allem aber spielerisch wird hier gezeigt, wie sehr Solist und Publikum zum „Konzerttheater“ gehören.
Der in Argentinien geborene Regisseur und Komponist Mauricio Kagel gilt als einer der wichtigsten Vertreter des „Instrumentalen Theaters“ als einer Art ritualisiertem Konzertakt, in den auch die sichtbaren Begleiterscheinungen des Musizierens (Mimik, Gestik, Aktionen) mit einbezogen werden. Ihm ist, wie auch John Cage und dem australischen Komponisten Brett Dean, eine „Nachtmusik“ in der Pinakothek der Moderne gewidmet.
2. Johan Simons, der Intendant der Münchner Kammerspiele, sagte zu mir wiederholt: „Wenn im Schauspielhaus Musik erklingt, dann passiert immer etwas besonderes. Das sind für mich die Momente größter Magie. Das Sprechtheater kann diese unmittelbare Berührung beim Publikum kaum erzeugen“.
Es scheint das Privileg der Musik zu sein, den Zuhörer direkt und zutiefst zu treffen. Gerade die abstrakteste Form der Kunst schafft es, eine dramatische Kraft zu erzeugen, die uns ohne große Vorbereitung an den Rand des Abgrunds stellt. Das bleibt auch für mich das wunderbare Rätsel der Musik. Warum schwankt der Boden beim Eintritt der ersten Klänge von Schönbergs „Verklärte Nacht“? Dabei ist gerade diese Musik so zerbrechlich. Warum ist es schockierend, wenn Franz Schubert mit ganz unheroischem Gestus eines Motivs plötzlich von Dur nach Moll wechselt?
Hier hat Drama nichts mit Theater und Szene zu tun. Es ist die Innerlichkeit der Musik an sich, dort wo der Klang die Tragik des Lebens berührt, die Unsicherheit des Bestehens, die traurige aber auch schöne Gewissheit des Vergehens.
Der erfolgreichen Tradition des Münchener Kammerorchester entsprechend folgen wir der dramatischen Poesie der Musik in der Kombination von neuem und klassischem Repertoire. Auftragskompositionen von Helena Winkelman, Beat Furrer und Salvatore Sciarrino begegnen symphonischen Werken von Mozart, Haydn und Schubert und klassischen Werken des 20. Jahrhunderts von Martin, Blacher, Stravinsky und Birtwistle.
Ihr Debüt beim MKO werden die Dirigenten John Storgårds und Ivor Bolton geben. Ebenfalls freue ich mich, die großartigen Sängerinnen Patricia Petibon, Christianne Stotijn und Solisten wie Håkan Hardenberger, Nicolas Altstaedt und Igor Levit zum ersten Mal in der Abonnementreihe begrüßen zu können. Mit Patricia Kopatchinskaja und Isabelle Faust kehren – neben Thomas Zehetmair als Solist und Dirigent des 2. Abonnementkonzerts – zwei herausragende Geigerinnen zum Orchester zurück. Und es ist mir eine große Ehre, dass Hans Neuenfels, mit dem ich 2011 an der Frankfurt Oper an Schoecks „Penthesilea“ gearbeitet habe, die Sprecherrolle in Beethovens „Egmont“ übernimmt.
Nach unserer Abonnementreihe im Prinzregententheater und der Nachtmusik der Moderne hat sich die Kammermusik in den Münchner Kammerspielen als dritte Konzertreihe des MKO mit durchschlagendem Erfolg etabliert. Es sind für mich persönlich besonders berührende Momente, dem wunderbaren (Kammer-)Spiel der Orchestermitglieder und Gastsolisten in Ruhe nachzuspüren.
Es bleibt für mich eine drängende Frage. In der anstehenden Saison muss sich eine langfristige Lösung für die Probenraumsituation des Münchener Kammerorchesters abzeichnen. Alle Freunde und Unterstützer, die öffentlichen Förderer wie auch die privaten muss ich aufrufen, gemeinsam für ein neues Zuhause einzutreten, in dem das Orchester seiner Probenarbeit nachgehen kann, das aber auch mit Education-Projekten, Begegnungen mit Komponisten und Interpreten etc. in die Stadt München hinein wirken soll. Es wäre in der Tat ein wörtlicher Kontext des Saison-Themas „Drama“, wenn sich nicht bald einem Klangkörper dieser Extraklasse angemessene Lösungsmodelle realisieren ließen.
Ihnen allen wünsche ich eine spannende und erfüllende Konzertsaison 2012/13 mit dem Münchener Kammerorchester.
Herzlichst, Ihr
Alexander Liebreich
Künstlerischer Leiter
