ISOLATION

Es ist genug,

Herr, wenn es dir gefällt,

so spanne mich doch aus.

Mein Jesus kömmt!

Nun gute Nacht, o Welt!

Ich fahr ins Himmelshaus,

ich fahre sicher hin mit Frieden;

Mein feuchter Jammer bleibt darnieden.

Es ist genug!

23 ist eine Primzahl, nur durch eins und sich selbst teilbar. Mit 23 Münzen gelingt mir keine rechteckige Ordnung - aber einen Kreis kann ich machen; Poesie der Ausnahme.

 

In Bergs letztem vollendetem Werk, dem zwölftönigen Violinkonzert, spielt die Zahl 23 eine besondere Rolle, denn am 23. Juli 1908 hatte er im Alter von 23 Jahren seinen ersten Asthma-Anfall. Im Takt 23 des zweiten Satzes beginnt in den Bläsern ein auffälliges neues Motiv, das gegen Ende des Allegro-Abschnitts in die Katastrophe führt, dann schließt sich der Choral an. Der zweite Satz hat insgesamt 230 Takte, das Particell wurde am 23. Juni 1935 vollendet. Primzahlen.

 

In dieser traumhaften Musik wird ein Requiem-Charakter offenbar. Dies nicht nur durch die Widmung „Dem Andenken eines Engels“, auch durch das Zitat des Chorals „Es ist genug“ aus der Kantate von J. S. Bach, dessen Text das Jenseits herbeisehnt. Wenn Isabelle Faust am Anfang des Werkes 4 Töne in Quinten zaubert, wird alles ganz klar. Jeder spürt den Ur-Grund der Existenz. Wir hoffen, dass es alle spüren. Man spricht aber nicht darüber.

 

Pyongyang. Um 23 Uhr wird der Strom radikal abgeschaltet, die Straßenlaternen flackern noch kurz, dann ist Schluss. Trotz kompletter Dunkelheit spielen wir weiter, bis der Ball auf einem Balkon landet. Die koreanischen Jungs formen virtuos und blitzschnell eine Menschenpyramide, vierstöckig (!) und holen glucksend den Ball vom Haus. Noch eine Stunde wird gekickt und gebaggert, dann gehe ich mit Marc verfroren ins Hotel. Eine Woche lang kein Verkehr, kein Telefon, kein Internet, kein Fernsehen, gut - aber leider auch keine Heizung. Alle Kleider des Koffers werden jetzt zur wärmenden Decke. Die hermetische Abgeschlossenheit eines Landes erzeugt Besonderheiten.

 

Viele Musiker des Münchener Kammerorchesters sind mit ins nordkoreanische Pyongyang gereist. Die persönlichen Begegnungen und Erfahrungen bleiben für immer einzigartig. Im Rückblick wirkt vieles unwirklich: singende Botschafter und Funktionäre, leidenschaftliches Musizieren auf abenteuerlichen Instrumenten und zwischenmenschliche Begegnungen, die einen mitten ins Herz treffen.

 

Der Komponist Isang Yun reist in den 60er Jahren nach Nordkorea, darauf folgt ein Drama von Inhaftierung, Verschleppung und Stigmatisierung. Yun kehrte nie mehr in den südlichen Landesteil zurück. In seiner Geburtsstadt Tongyeong etabliert sich zwar ein Festival; seine Person und seine Musik bleiben isoliert. Isang Yuns Komposition „Colloides sonores“ verknüpft die Avantgarde der Nachkriegszeit mit den Wurzeln seiner koreanischen Herkunft. Eine einzigartige Klangsprache entsteht, der Einzelton und sein Strömen werden zur Grundgrammatik in der Musik von Yun.

Isolation, Evolution und Kreativität bilden ein energetisches Wechselspiel, welches spannender nicht sein könnte. Das (Über-)Leben ist geradezu definiert „aus der Not heraus zu schaffen“, denn Ausnahmesituationen fordern Ausnahmereaktionen. Auch der kreative Mensch wird die Reduzierung und Abgeschiedenheit immer suchen. Damit meine ich nicht, sich geographisch „ins Komponierhäusl“  zurückzuziehen, sondern neben der physischen Konzentration bewusst eine thematische Isolation und Reduziertheit der Mittel zu suchen. Die äußeren und manchmal extremen Zwänge sind oft unfreiwillig die Parameter des „Spiels“: Exil und Unterdrückung, soziale Isolation, Krankheit und körperliche Einschränkung fordern den kreativen Instinkt des Überlebens. Das ist kein Zynismus gegenüber Schwächeren, sondern faktischer Bestandteil der Vielfalt unseres Lebens. Unsere Klugheit ist gefordert, eine Balance zu finden, Räume zu öffnen, zu definieren und gleichzeitig abzugrenzen und zu bewahren. Isolation bedeutet paradoxerweise immer auch ein Stück Freiheit. Und die viel zitierte Integration taumelt zwischen der eigentlich gewollten Bewahrung und dem Verlust der Freiheit.

Dem Münchener Kammerorchester wird gerne eine Nischenexistenz zugeschrieben. Das kann man nur als Segen und zugleich als Garantie für freies schöpferisches Gestalten verstehen. Wer einmal den unentdeckten nachtschwarzen Nischen in der Tiefe unserer Meere auf der Spur war, den wird die Faszination für die unglaublichen Kreaturen und Lebensformen mit ihrer schillernden Transparenz nicht mehr loslassen. Den ständigen Lebenskampf kann man nur mit kreativer Kraft annehmen und gewinnen.

Ich begrüße Sie zur Saison 2015/16 unter dem Motto „Isolation“, in welcher die Dirigenten Gergely Madaras und Jonathan Cohen ihr Debüt in der Aboreihe des MKO geben. Ebenso freue ich mich, die großartigen Solisten Francesco Piemontesi, Christian Poltéra, Stefan Dohr, Frode Haltli, Tatiana Monogarova und Sergei Leiferkus zum ersten Mal beim MKO begrüßen zu dürfen. Mit Isabelle Faust, Carolin Widmann, Kristian Bezuidenhout und dem herausragenden RIAS Kammerchor kehren hochgeschätzte Musizierpartner zurück und, der langen erfolgreichen Tradition folgend, werden wir dem klassischen Repertoire Uraufführungen von Georg Friedrich Haas, Manos Tsangaris und Atac Sezer gegenüberstellen. Tobias PM Schneid arbeitet im Rahmen einer Kooperation des MKO der Versicherungskammer Kulturstiftung und dem DOK.fest an einer abendfüllenden Orchestermusik zu Walter Ruttmanns epochalem Stummfilm „Berlin - Die Sinfonie der Großstadt“. Und es ist mir eine Ehre, die Münchener Biennale unter Ihrer neuen Künstlerischen Leitung mit einem Musiktheater von David Fennessey zu eröffnen. 

Seien Sie herzlichst willkommen,

Ihr Alexander Liebreich

 
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