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Saison 11/12 ›OSTWÄRTS‹

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SEHR GEEHRTE DAMEN UND HERREN,

Achsenverschiebung

Wenn man die besten Jugendjahre, sein "Frühlingserwachen" Mitte der achtziger Jahre im Zentrum der Oberpfalz - Zonenrandförderungsgebiet und 50 km vom eisernen Vorhang entfernt - verbringen durfte, gab es klare Perspektiven. Vorausgesetzt, man konnte es sich leisten und hatte nicht vor, im beschaulichen Bayern zu verweilen, dann fächert sich die Generation der damals 16 bis 18-jährigen wie eine Windrose in westwärts gerichtete Lebensträume: Idealisiert leuchten und locken die Städte: Paris, die musische, London, die interkulturelle, Amsterdam, die einzig freie und noch weiter westlich New York, die kosmopolitische. 25 Jahre später scheint die Sichtachse um 180 Grad gewendet: Berlin, Istanbul, Dubai, die chinesischen Metropolen Shanghai und Beijing, Seoul und Tokio sind zentrale Fixpunkte einer neuen attraktiven Perspektive. Im Jahre 2011 blickt Europa und die westliche Welt nach Osten, stärker als je zuvor. Es sind beeindruckende wirtschaftliche, aber auch weltanschaulichreligiöse Energien, die Europa kulturell beeinflussen und sich neu definieren lassen. Damit stellen sich uns viele Fragen nach Werten, Wurzeln und Identität.

Ostwärts ist relativ

Wenn Mauricio Kagel in seinen Stücken der "Windrose" von "Ost" oder "Nordost" spricht, dann verweist er aus seiner geographischen Lage gesehen – geboren in Buenos Aires, Argentinien – nach Europa. Mit gleicher Blickrichtung entwickelt die Ostküste der Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert eine eigene Musikkultur. Komponisten wie Aaron Copland, Elliott Carter und John Cage werden alle zum Studium nach Paris ziehen, um später wieder an der Ostküste ihre Wurzeln zu suchen. Das Phänomen Charles Ives betrachtet aus der Ferne das Ende der Tonalität in Europa, das hier mit der zweiten Wiener Schule um Schönberg beantwortet wird. Er selbst findet schon früh die Konsequenz im Collage-Denken, das viele seiner Werke auszeichnet und schon in seiner dritten Symphonie "The Camp Meeting" anklingt.

Europas Osten

Im 20. Jahrhundert sind es Komponisten wie Bartók, Veress, Ligeti, Kurtág, aber auch Stravinsky oder Prokofiev, die eigene Wege finden. Sie nehmen ihren kontinuierlichen Weg aus der Tradition heraus zu einer charakteristischen und unverwechselbaren Idiomatik und legen damit die Basis für einen Gegenentwurf zur Dodekaphonie und seriellen Musik. Während nach dem zweiten Weltkrieg die Wege der Avantgarde in Darmstadt und Donaueschingen genau bezeichnet sind, aber auch immer enger werden, ist es wiederum ein Impuls aus dem Osten, der mit seiner engen Bindung an die Volksmusik, an lange verschüttete Traditionen und an religiöse Inhalte den Horizont wieder öffnet.Obwohl ganz unterschiedlichen Generationen angehörend, eint die junge Estin Helena Tulve und den großen armenischen Komponisten Tigran Mansurian die Eigenständigkeit, im Umgang mit den Einflüssen der Avantgarde, aber vor allem auch das Bewusstsein um die eigenen sprachlichen, politischen und kulturellen Wurzeln. Das Münchener Kammerorchester wird von beiden Uraufführungen präsentieren, wie auch ein neues Werk des jungen tschechischen Komponisten Miroslav Srnka. Mit Sándor Veress und Krzysztof Penderecki werden in der "Nachtmusik"-Reihe in der Pinakothek der Moderne" zwei "Klassiker" der osteuropäischen Musik porträtiert; dazu gesellt sich als Dritter der in Wien lebende Schweizer Komponist Beat Furrer.

Weiter ostwärts

Nach Japan explodieren China und Korea auf dem Klassikmarkt; unfassbar, wie viel junge Instrumentalisten, Sänger und vor allem Komponisten mit großer Dynamik im Licht erscheinen. Nicht alles ist spannend und authentisch, vieles bleibt in der Geste stecken, trotzdem scheinen diese Länder mit unstillbaren Durst die Hand nach klassischer Musik auszustrecken. Zusammen mit dem koreanischen Tongyeong International Music Festival (TIMF), dessen künstlerische Leitung ich ab 2011 für vier Jahre übernehmen darf, werden zwei weitere Aufträge an herausragende Komponisten aus Japan vergeben. Auch hier sind mit Toshio Hosokawa und Dai Fujikura Komponisten aus zwei Generationen gewählt, die beide Ihre Studien in Europa (Deutschland bzw. England) absolvierten und in ihren Werken die Suche nach ihren Wurzeln ostwärts angehen, um Ihre natürliche Authentizität wieder zu finden.

Die "Ostwärts"- Saison bietet mehrere besondere Premieren: Ich freue mich persönlich sehr auf gemeinsame Kreationen mit Johan Simons und den Münchner Kammerspielen; drei Nächte sind freitags im Schauspielhaus der modernen Kammermusik gewidmet. Eine weitere Erstbegegnung gibt es mit dem "Musik-Regisseur" Heiner Goebbels; ihm ist eine "carte blanche" gewidmet, auch diese wird in den Kammerspielen stattfinden. Im Prinzregententheater wird das MKO zum ersten Mal mit dem exzellenten RIAS-Kammerchor musizieren: Neben der erwähnten Neukomposition von Tigran Mansurian für Chor und Orchester steht das Requiem von Mozart in der neuen Fassung von Robert Levin.

Als Solisten werden Fazil Say, Tabea Zimmermann, Martin Fröst, Simone Kermes, Nils Mönkemeyer, Igor Levit und Miklós Perényi ihr Debüt beim MKO geben; wieder begrüßen dürfen wir große Namen wie François Leleux, Juliane Banse und Christoph Prégardien. Gemeinsam mit Dirigenten wie Douglas Boyd und Mario Venzago, der ein Abonnementkonzert in Zusammenarbeit mit der Münchner Biennale leiten wird, möchte ich Sie, verehrtes Publikum, ostwärts über die Isar ins Prinzregententheater herzlich einladen.

 

Ihr
Alexander Liebreich
Künstlerischer Leiter